Standpunkt: Welches Land wollen wir?

Die Philosophin Barbara Bleisch organisiert und moderiert zusammen mit Jean-Daniel Strub im Grossmünster Debatten zur offenen Gesellschaft. Hier erklärt sie, weshalb.

Die einen sprechen von einem «Sommer der Angst», wenn sie die Stimmung in unseren Nachbarländern im Juli 2016 beschreiben. Andere reden von einem «Sommer des Hasses» und verweisen auf die Attentate in Nizza, Istanbul und an anderen Orten. Wiederum andere betonen, dies sei auch der «Sommer der Mitmenschlichkeit», weil sich so viele Freiwillige wie selten zuvor für die Flüchtlinge engagieren. Wie auch immer man die gegenwärtige Weltlage beschreiben mag – wir leben in schwierigen Zeiten.

Die globalen Flüchtlingsbewegungen und die Angriffe des islamistischen Terrorismus konfrontieren auch unser Land unvermindert mit Fragen nach seinem Selbstverständnis: Welche Gesellschaft wollen wir sein angesichts der wachsenden Herausforderungen? Welches ist die richtige Haltung gegenüber den ankommenden Flüchtlingen? Zu wie viel Toleranz ist die liberale Gesellschaft verpflichtet und wo beginnt die Pflicht, eigene Werte zu verteidigen? Um diese Fragen ehrlich und ergebnisoffen zu diskutieren, lanciert die Initiative «Offene Gesellschaft» seit rund einem Jahr vornehmlich in Deutschland Debatten mit der Bevölkerung.

Das Prinzip ist einfach: Drei bis vier bekannte Persönlichkeiten geben ein kurzes Votum ab, danach sind alle Anwesenden eingeladen, ihre Meinung zur Debatte zu stellen. Das Format ist damit auch eine Alternative zu den Diskussionsforen der sozialen Medien, in denen gesichtslose Masken vor sich hin kommentieren, liken und sharen. In der analogen Debatte muss jeder seine Meinung persönlich vertreten und auf Nachfragen reagieren. Meinungen erhalten ein Gesicht und werden menschlich – auch wenn sie uns missfallen.

Offenbar besteht ein Bedürfnis nach dieser Form der Debatte: Die Veranstaltungen in Deutschland haben bis anhin Zehntausende besucht, und auch die erste Zürcher Debatte, die im Februar im Zürcher Grossmünster stattgefunden hat, zog über 250 Personen an. Deshalb laden wir diesen Herbst erneut zum Mitdiskutieren ein. Denn den Feinden der offenen Gesellschaft werden wir nicht mit Verboten beikommen – genau diese bedrohen die Offenheit letztlich auch. Sondern nur mit Aufklärung, besseren Argumenten und einem starken Selbstbewusstsein, das wir Verachtung und Feindlichkeit entgegensetzen. Wie man so schön sagt, kann man der Zukunft nur auf zwei Arten begegnen: «by design or by disaster». Wählen wir das «design» und diskutieren wir, welches Land wir sein wollen!»

Text: Barbara Bleisch

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Barbara Bleisch ist Philosophin und moderiert die Sternstunde Philosophie.
Ausserdem ist sie Lehrbeauftragte für Ethik an verschiedenen Universitäten und Kolumnistin des Philosophie Magazins.

Foto: Christoph Wider/forum