Stolperstein: «Wahrheit»

Es ist gefährlich, Wahrheit als Besitz zu betrachten. Es könnte gut sein, dass wir dann geradewegs in einen Irrglauben verfallen.

Im Johannes-Evangelium sagt Jesus: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater ausser durch mich.»

Wenn wir wirklich daran glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist – in der Dreifaltigkeit mit Gott untrennbar vereint –, dann sollten wir das Wort «Wahrheit» mit grösster Vorsicht und Zurückhaltung verwenden. Was Wahrheit ist, das bestimmen nicht wir, sondern jener, der die Wahrheit ist, also Gott selbst.

Wahrheit ist auch nicht das, wonach Naturwissenschaftler suchen. Isaac Newton mag im Fallen eines Apfels das Gesetz der Gravitation entdeckt haben. Über das, was ein Apfel in Wahrheit ist, kann er damit keine Aussage machen. Als Gläubige jedoch versuchen wir selbstverständlich immer wieder, die Wahrheit zu entdecken, zu interpretieren, zu beschreiben.

Aber selbst wenn sich Gott offenbart, geht die Wahrheit damit nicht in unseren Besitz über. Das Naschen vom Baum der Erkenntnis führt nicht zur Wahrheit, sondern zur Vertreibung aus dem Paradies. Weil sich Adam und Eva an die Stelle Gottes setzen wollen.

Als Menschen sind und bleiben wir Vermittler. Gott dagegen ist immer und jederzeit grösser. Auch grösser als die Heilige Schrift, denn schon die Verschriftlichung der Offenbarung ist eine Übersetzung. Eine Übersetzung in Worte und in Sprachen.

Wenn die Wahrheit eindeutig vor uns läge, bräuchten wir keine Theologie, keine Konzile, keine einzige Diskussion und im Übrigen auch keine einzige Vision oder Erscheinung und kein Lehramt. Wer glaubt, der besitzt nicht, er geht – wie Jesus sagt – einen Weg. Und er sucht auf diesem Weg die Wahrheit. Er sucht Gott.

Wir sollten das jüdische Bildverbot als Warnung vor einem allzu besitzergreifenden Umgang mit der Wahrheit verstehen. Bilder vermitteln noch viel stärker als Worte eine trügerische Sicherheit. Genau diese Gewissheit werden wir jedoch nie haben: Nie werden wir die Wahrheit vollständig kennen und ausdrücken können. Nie wird es uns gelingen, ein gültiges Bild der Wahrheit zu zeichnen. Genau diese Gefahr geht aber von Bildern aus: Sie machen uns glauben, wir hätten etwas so gesehen, wie es ist. Bis wir das Bild selbst für Wahrheit halten.

Wenn wir also in Versuchung geraten, uns Glaubenswahrheiten um die Ohren zu schlagen, dann müssen wir uns bewusst machen, dass wir genau in diesen Momenten unglaublich blind für die Wahrheit werden und gottvergessen in einen giftigen Apfel beissen.

Text: Thomas Binotto