Der dritte Raum

Auch im Zeitalter der digitalen Transformation sind Bibliotheken nicht dem Untergang geweiht. Indem sie Räume schafft, statt bloss Medien zu verleihen, versucht die Zürcher Pestalozzi-Bib­liothek ihre Kundschaft zu erreichen.

Josephine Siegrist, Direktorin der Zürcher Pestalozzi-Bibliothek (PBZ), sitzt in ihrem Büro in der Zürcher Altstadt und gibt zu, dass sie gerade überfragt ist. Für die geplante Bibliothek auf dem Zürcher Schütze-Areal beim Escher-Wyss-Platz musste die PBZ ihre Bedürfnisse anmelden. Doch wie wird eine Bibliothek in zehn Jahren aussehen? Und für Siegrist noch wichtiger: Wie wird sich das Quartier verändert haben? Sind die Kreativen dann im Senioren- alter oder weggezogen? Sie weiss es nicht. Ihre Lösung: Alle möglichen Anschlüsse werden eingebaut, es wird flexible Wände und rollbare Möbel brauchen.

Pestalozzi-Bibliothek Hardau

Pestalozzi-Bibliothek Hardau Foto: Christoph Wider/forum

Pestalozzi-Bibliothek Hardau

Pestalozzi-Bibliothek Hardau Foto: Christoph Wider/forum

Pestalozzi-Bibliothek Hardau

Pestalozzi-Bibliothek Hardau Foto: Christoph Wider/forum

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Die Bibliothek würde digital werden, hiess es Anfang 2013, als die ersten Schweizer Bibliotheken das Angebot der «Onleihe» einführten, womit E-Books von zu Hause aus für eine bestimmte Zeit ausgeliehen und auf einem E-Reader gelesen werden können.
In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» sprach Rafael Ball, Direktor der ETH-­Bibliotheken, im Februar dieses Jahres vielen Bibliotheken gar die Existenzberechtigung ab. Sie bräuchte es bald so nicht mehr, weil Medien online einfacher rund um die Uhr zugänglich würden. Die Bibliothek als Serverraum also, wo man höchstens noch seinen Kindle oder Tolino aufladen kann?
PBZ-Direktorin Josephine Siegrist schmunzelt amüsiert. Sie reduziert ihre Bibliothek auch 120 Jahre nach der Gründung nicht auf ihre Funktion als Medienverleihzentrale. Wie könnte sie auch. Einladend auch für Nicht-Leser Als Begegnungsort. Als flexiblen, dritten Raum, der neben dem Arbeitsplatz und dem privaten Wohnraum Begegnungen ohne Konsumzwang ermöglicht und damit eine wichtige soziale Funktion einnimmt.
So sieht Siegrist die Bibliothek des 21. Jahrhunderts zuerst. Gemäss Jahresbericht sollen die 14 PBZ-Standorte «einladende Orte für Einzelpersonen und Gruppen sein», «Begegnungen ermöglichen, indem wir Raum zum Arbeiten und Verweilen bieten» und «die Integration von Menschen aus anderen Kulturen sowie die Beteiligung am öffentlichen Leben fördern».
Damit will sich die PBZ aber nicht bloss eine neue Identität geben, um der Digitalisierung entgegenzutreten. Sie will vielmehr an den Kernaufgaben festhalten, welche sie sich schon zur Gründungszeit gab.

Mit der Industrialisierung waren im 19. Jahrhundert in Zürich zahlreiche neue Fabrik- und Arbeiterquartiere entstanden. Randbezirke wie Aussersihl wuchsen rasant, doch die Knechte und Mägde vom Land fanden in der Stadt nicht nur Arbeit, sondern auch weniger soziale Kontrolle.
Die Arbeiter vergnügten sich in Wirtshäusern und sogenannten «Tingeltangel-Lokalen», wo sie in der kalten Jahreszeit einen beheizten Raum fanden, aber auch Alkoholismus, Prostitution und gewalttätige Auseinandersetzungen an der Tagesordnung waren.
Verbürgt ist etwa der «Italienerkrawall» von 1896, als nach einer Schlägerei Bürgerwehren formiert und Hetzjagden auf Italiener stattfanden, bis sich die Wut der Quartierbewohner zuletzt gegen die gerufenen Polizei- und Militäreinheiten richtete. Das Stadtzürcher Bürgertum blickte beunruhigt in die Aussenquartiere, Horte der Sünde und des Verbrechens.
Das Mittel gegen die gesellschaftliche Verrohung? Lesesäle und Bibliotheken. Mit diesem Bildungsangebot als Konkurrenz zu den Wirtshäusern sollte die Arbeiterschaft gezügelt und in die bürgerliche Gesellschaft integriert werden. Bereits 1893 existierten zahlreiche öffentliche, gemeinnützig betriebene Räume, wo die Arbeiter Zeitschriften lesen, Bücher ausleihen, Gratisvolkskonzerte oder Vorträge hören oder sich ganz einfach aufwärmen konnten. 1896, anlässlich des 150. Geburtstags von Heinrich Pestalozzi, wurden diese Einrichtungen zur Pestalozzigesellschaft zusammengefasst.
Sie sollte politisch und konfessionell neutrale, zentral verwaltete Lesesäle und öffentliche Bibliotheken zum Ziel der Volkserziehung und -bildung betreiben. Lesesaal und Bibliothek funktionierten damals getrennt. Denn der Bibliotheksbestand war nicht frei zugänglich, sondern wurde über eine Schalterausleihe organisiert, während im Leseraum hauptsächlich Zeitschriften und Zeitungen gelesen wurden.
Während der Kriegszeit wurden sie explizit auch als Wärmestuben betrieben. Doch nach dem Krieg nahm die Benutzung der Lesesäle ab und bis 1982 wurden alle Quartierlesesäle geschlossen, während im Zuge des Wachstums weitere Quartierbibliotheken gebaut wurden. Man ging vor die neuen Haustüren, um die Kunden zu erreichen.

Pestalozzi-Bibliothek Sihlcity

Pestalozzi-Bibliothek Sihlcity Foto: Christoph Wider/forum

Pestalozzi-Bibliothek Sihlcity

Pestalozzi-Bibliothek Sihlcity Foto: Christoph Wider/forum

Pestalozzi-Bibliothek Sihlcity

Pestalozzi-Bibliothek Sihlcity Foto: Pestalozzi-Bibliothek Sihlcity

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Bewegliche Fixpunkte im Stadtleben

Im Smartphone-Zeitalter bedarf es allerdings zusätzlicher Beweglichkeit. Davon zeugen etwa die Lesungen, Kindernachmittage oder Kurse an den verschiedenen Standorten. Leseecken mit Zeitschriften und Tageszeitungen sind wieder in die PBZ-Bibliotheken integriert.

Und nach der Einführung der Selbstausleihe haben diese die Funktion des Aufenthaltsraums behalten. «Wir haben auch heute noch Leute hier, welche im Winter der Wärme wegen kommen», so PBZ-Direktorin Siegrist. Das gehe gut, obschon sie auch Grenzen ziehen müssten. «Auf dem WC Wäsche waschen geht nicht.»

Die PBZ misst ihre Leistung nicht nur mehr in erster Linie über die Anzahl Ausleihen (2,7 Mio. im Jahr 2015), sondern auch die Anzahl Besuche (eine knappe Million). Um diese stabil zu halten, will man möglichst vielen Bedürfnissen gerecht werden.

«Wir haben in den Bibliotheken für die verschiedenen Zielgruppen unterschiedliche Zonen eingerichtet», erklärt Siegrist. Die Musik bei Jugendliteratur und Comics, das Lesecafé bei den Zeitschriften, die Arbeitsplätze bei den Sachbüchern. Die Zonen wiederum sind je nach Standort unterschiedlich angeordnet und auch beim Sortiment bestehen Unterschiede. Im ehemaligen Arbeiterquartier im Zürcher Kreis 4 mit besonders hohem Ausländeranteil betreibt die PBZ etwa eine interkulturelle Bibliothek.

«Unsere Lesewiese», sagt Suela Jorgaqi, Leiterin der PBZ-Hardau, und zeigt durch die Fensterfront auf den Rasen, wo Stühle und ein Korb mit Zeitschriften stehen. Sie leitet eine besondere PBZ-Zweigstelle. In den Neubau des Schulhauses Albisriederplatz integriert, bietet sie Bücher und DVDs in zwölf Sprachen, von Tamilisch bis Serbisch.

Damit will die PBZ der Vielfalt der Quartierbevölkerung gerecht werden und einen Begegnungsort auch für eher bildungsferne Familien schaffen. Jorgaqi und ihr bewusst mehrsprachiges Team leisten dafür viel Netzwerkarbeit. «Wir müssen gut verkaufen und animieren können, nicht bloss verwalten.» So organisiert sie zusammen mit Vereinen in der Bibliothek auch Deutschkurse oder Family-Literacy-Veranstaltungen, bei welchen Eltern zusammen mit ihren Kindern ihre Muttersprache vertiefen und Freude am Lesen erhalten können. «Hier ist es häufig etwas lauter, aber es ist nicht das Ziel, dass wir leise sind», sagt Jorgaqi und schmunzelt. «Die Menschen sind wichtiger als die Medien.»

Ruhiger ist das Treiben in der PBZ-Sihlcity, auch wenn die Kinderecke für ­einige Besucher manchmal etwas gar nahe bei den Arbeitsplätzen sei, wie Leiterin Franziska Höfler sagt. Als die Bibliotheken Enge und Heuried beim Einkaufszentrum zusammengelegt wurden, verstanden viele Quartierbewohner nicht, dass die Bibliothek vom Gemeinschaftszentrum in den als Auto-Showroom geplanten Glasbau umzog. Doch der Widerstand habe sich nach bald zehn Jahren gelegt.

«Es ist in erster Linie wichtig, dass wir da sind, wo die Leute sind», sagt Höfliger. Auch ihre Zweigstelle deckt unterschiedliche Bedürfnisse. Bereits wenige Minuten nach der Öffnung zur Mittagszeit an einem Wochentag lösen Studenten Aufgaben an den Arbeitsplätzen, eine Mutter mit Kinderwagen schmökert in einem Bestseller und ein Mann liest in der Zeitschriftenecke. Für die in den umliegenden Banken oder Technologieunternehmen beschäftigten Expats hat es ein besonders grosses Angebot an englischer Literatur. Und im Winter dient die Bibliothek als Wartsaal für den S-Bahnhof.

In unmittelbarer Nähe des geschäftigen Treibens der Shops und Fastfood-­Ketten zeigt diese Zweigstelle ganz besonders: Allen neuen Technologien zum Trotz hat sich in 120 Jahren so viel nicht verändert. Wie zur Gründungszeit ist eine Bibliothek auch heute ein Ort der Ruhe und Möglichkeiten. Ein Ort, wo der Mensch nichts muss und vieles kann. An dieser Einsicht wird auch PBZ-Direktorin Josephine Siegrist bei der Planung neuer Zweigstellen festhalten.

Text: Pascal Sigg, freier Journalist

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Pestalozzi-Bibliothek

Auf dem Schütze-­Areal entsteht bis 2019 eine neue PBZ-Bibliothek. Sie ist Teil einer Quartier-Infrastruktur, welche ­Schule, Kindergarten, Quartierhaus und eben eine Bibliothek umfasst und in einem kleinen Park liegt. Bei der Volksabstimmung vom 25. September wurde dem Gesamtkredit von 61 Millionen Franken zugestimmt.

Quelle zur Geschichte PBZ: Ruth Fassbind-Eigenheer «Die Pestalozzi­gesellschaft in Zürich – eine Institution im Dienste der Volksbildung». 100 Jahre ­Pestalozzi-Bibliothek. Festschrift zum Jubi­läum der Pestalozzi-­Bibliothek Zürich. ­Pestalozzi-Bibliothek Zürich 1996.