Hintersinniges: Kinderseelenallein

Was, wenn die Mutter tagelang depressiv im Bett liegt? Oder der Vater an Schizophrenie leidet? Für Eltern gibt es Beratung und Therapien. Kinder psychisch kranker Eltern fallen dagegen häufig zwischen Stuhl und Bank.

Laut einer Studie der Integrierten Psychiatrie Winterthur leben in der Schweiz 20 000 bis 50 000 schulpflichtige Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil. 300 000 dürften es sein, wenn jene Eltern mitgezählt werden, die ihr Leiden verschweigen oder gar nicht wissen, dass sie krank sind. Leidet eine Mutter oder ein Vater an einer psychischen Krankheit, hat dies Auswirkungen auf den Alltag und die Befindlichkeit die Kinder. Wie stark diese sind, hängt vom Alter des Kindes ab, von der Art der Erkrankung, von Schwere und Dauer der Krankheitsphase und davon, ob sich noch gesunde Bezugspersonen der Betreuung des Kindes widmen.

In fast jedem Fall erleben die Kinder Situationen, die sie nicht verstehen und die sie verunsichern. Sie realisieren, dass die Mutter oder der Vater nicht mehr in gewohnter Weise da ist für sie und auch keiner mehr so unbeschwert Zeit hat. Vielfach geben sich die Kinder selbst die Schuld dafür. Sie haben ihre eigene Logik, sich die Krankheit der Eltern zu erklären. Und sie leiden mit.

Ihre Angst und Hilflosigkeit ist im Behandlungskonzept der Eltern meist nicht mitgedacht. Dass gerade auch sie Hilfe brauchen, bleibt oft vergessen. Immerhin: Nach und nach zeichnen sich Veränderungen ab. Fachleute werden sensibilisiert, erste Kliniken bieten Programme für Kinder an. Ehemalige Patienten brechen das Tabu und sprechen von ihrer Krankheit und deren Folgen für die Familie.

Damit diese oftmals versteckten Schicksale nicht auch die betroffenen Kinder und Jugendlichen in die Überforderung treiben, baut Christine Gäumann von der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland für die Stiftung Kinderseele Schweiz ein familienorientiertes Case-Management auf. Die Katholische Kirche im Kanton Zürich unterstützt das Projekt mit 50 000 Franken. Profitieren können davon auch der Aufbau von Kind-/ElternGruppen und das Einrichten einer elektronischen Plattform.

Findet eine Familie einen guten Umgang mit der Krankheit, steht der gesunden Entwicklung der Kinder nichts im Weg. Dies bestätigen Studien: Nur ein Drittel der Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, kämpft später selber mit andauernden psychischen Problemen, ein weiteres Drittel vorübergehend. Ein Drittel jedoch bleibt glücklicherweise gesund.

Text: Pia Stadler

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Der 10. Oktober ist der Tag der psychischen ­Gesundheit – für Erwachsene und ihre Kinder.

«Kinder psychisch kranker Eltern» von Gaby Rudolf
Pro Mente Sana, 2005.
38 Seiten. Fr. 10.25
Telefon 044 446 55 00
www.promentesana.ch