Stolperstein: «Engel»

Manche Barockkirche wird von einem Völkchen heidnischer Herkunft bewohnt. Phantasievoll in Szene gesetzt, variantenreich und verspielt fügen sich unzählige Putten ein ins architektonische Ganze.

Man fragt sich, was der – wenn hier auch pfeil- und bogenlose – Begleiter der griechisch-römischen Liebesgöttin in einem christlichen Kirchenhimmel verloren hat. Denn um Engel kann es sich nicht handeln. Wenigstens nicht um biblische. Die Heilige Schrift erwähnt nirgends pausbäckige Kleinkinder mit Flügeln, die kaum dazu geeignet sind, die Distanz Himmel – Erde retour zurückzulegen.

Furchterregend und im wahrsten Sinn des Wortes umwerfend sind die Engel der Bibel, brennende, blendende Erscheinungen. Die Menschen, denen sie begegnen, erschrecken zuerst einmal. Das ist auch nicht erstaunlich. Im Engel des Herrn begegnet Gott selbst. Er begegnet gewissermassen in der Dosis, die der Mensch gerade noch erträgt. Und selbst diese ist noch so gewaltig und machtvoll, dass der Engel als Erstes oft spricht: «Fürchte dich nicht!»

Die Begegnung mit dem Engel des Herrn geht ans Lebendige, weil die Botschaft, die er bringt, unerbittlich das Leben des Menschen angeht. Aus den Geschichten der Bibel können wir ableiten, wann uns ein Engel widerfährt: Wenn wir einen Ausweg aus einer bedrohlichen Sackgasse finden – wie Hagar. Wenn wir damit ringen, dass eine grundlegende Veränderung auf dem bisherigen Lebensweg oder ein Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt ansteht – wie Jakob im Kampf am Jabbok. Wenn uns aufgeht, dass wir eine Lebensaufgabe in Angriff nehmen sollen – wie Tobias. Wenn wir spüren, dass kein Weg an unserer Umkehr vorbeigeht, mögen wir uns noch so sehr dagegen sträuben – wie Bileam. Oder wenn wir in überwältigender Weise Gottes ewige Treue erfahren – wie die Frauen am leeren Grab.

Engel treten an den Wendepunkten menschlicher Lebensgeschichten auf schlechthin: bei der Ankündigung und Geburt Jesu. Lebensumstürzende Erkenntnis, die einen wie der Blitz – oder eben wie ein Engel – trifft, kann Angst machen. 366-mal, für jeden Tag im Jahr einmal und inklusive Schalttag, steht in der Bibel der Satz «Fürchte dich nicht!» – meist gesprochen von einem Engel.

«Engel», sagt Augustinus, ist der Name der Aufgabe, nicht des Wesens. Oder anders gesagt: Das Wesen des Engels erfüllt sich in der Aufgabe, nämlich göttliche Botschaft zu überbringen. Die Begegnung mit einem Engel ist alles andere als harmlos. Wer die Botschaft annimmt, geht fortan als ein Anderer, eine Andere durchs Leben.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte