«Justitia et Pax» - ein Dauerprovisorium

Die sozial-ethische Kommission der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), feiert dieses Jahr ihr 40-Jahr-Jubiläum. Doch der politische Arm der Kirche ist derzeit blockiert.

Die «Grüne Wirtschaft» erhält Unterstützung von kirchlichen Institutionen. Die Bischofskonferenz schafft eine Fachstelle für Palliative Care. Der Generalvikar des Bistums Chur schreibt in Tageszeitungen über den Islam und christliche Werte.

Was haben all diese Themen gemein? Sie berühren die katholische Soziallehre, die Übersetzung der christlichen Botschaft in die Welt von Gesellschaft und Politik.

Sie fallen damit potentiell in den Kompetenzbereich von «Justitia et Pax». In der Ära kirchlicher Öffnung nach dem zweiten Vatikanischen Konzil gegründet, zielte der päpstliche Rat darauf, die politischen Debatten weltweit mit zu beeinflussen. 1976 wurde der Schweizer Ableger gegründet.

Vor drei Jahren wurde die Kommission, die der Bischofskonferenz (SBK) angegliedert ist, deutlich verschlankt: Heute versuchen nur noch ein Generalsekretär und die ehrenamtliche Kommission mit dem Tempo der Politik und der Breite möglicher Themen Schritt zu halten.

Thomas Wallimann-Sasaki: «Die Aufgabe der Kirche in der Welt ist nicht, sich um sich selber zu drehen, sondern Salz in der Welt zu sein.»

Thomas Wallimann-Sasaki: «Die Aufgabe der Kirche in der Welt ist nicht, sich um sich selber zu drehen, sondern Salz in der Welt zu sein.» Foto: Christoph Wider/forum

1 | 1

«Die Rolle der Politik wird in der Bischofskonferenz kontrovers diskutiert», sagt Thomas Wallimann-Sasaki, Ad-interims-Präsident von «Justitia et Pax». Der Rückhalt, den die Kommis­sion insgesamt geniesst, ist entsprechend schwach. Dass Wallimanns Funktion nur provisorisch gilt und von den Bischöfen nie bestätigt wurde, weist darauf hin. Auffällig ist ebenso, dass neue, konkurrierende Strukturen neben «Justitia et Pax» entstehen, so die bischöfliche Fachstelle für Palliative Care, die sich wohl auch mit Fragen zur Sterbehilfe befassen wird, oder die sozialethische Plattform «Dignité et Development» im Bistum Lausanne-Genf-Freiburg. Auch die Beziehung zwischen «Justitia et Pax» und der Bioethik-Kommission der Bischofskonferenz, deren Themen sich nicht selten überschneiden, löst Fragen aus.

«Wir befinden uns in einem Schwebezustand», sagt Wallimann. Darin sieht der Politiker, der für die Grünen im Nidwaldner Landrat sitzt, allerdings auch Vorteile: «Wir sind momentan gefordert, von uns aus aktiv zu werden, nicht darauf zu warten, bis uns die Bischöfe Aufträge erteilen. Das entspricht dem Subsidiaritätsprinzip, wie es die katholische Soziallehre vorsieht», so Wallimann.

Ob eine Klärung der Präsidentenrolle klug sei, könne man kontrovers diskutieren. «Doch warum ‹Justitia et Pax›-Skeptiker der SBK auf den Plan rufen und die Arbeit gefährden? Die Aufgabe der Kirche in der Welt ist nicht, sich um sich selber zu drehen, sondern Salz in der Welt zu sein. Wenn sie das mit einem Ad-interim-Präsidenten sein kann, dann reicht das!»

Dennoch scheint klar: Um eine offene Diskussion zum künftigen Profil des politischen Arms der Kirche kommt man langfristig nicht herum.

Béatrice Acklin Zimmermann: «Ein Schritt der Öffnung auf aufgeklärte Menschen hin, die selber denken können, wurde bisher verpasst.»

Béatrice Acklin Zimmermann: «Ein Schritt der Öffnung auf aufgeklärte Menschen hin, die selber denken können, wurde bisher verpasst.» Foto: Christoph Wider/forum

1 | 1

Einen kritischen Anstoss gibt Béatrice Acklin Zimmermann, Studienleiterin an der Zürcher Paulus Akademie und FDP-Abgeordnete im Freiburger Parlament: «‹Justitia et Pax› sollte Gläubige zum Denken anregen und ihnen Wahlmöglichkeiten aufzeigen, nicht aber sie mit Wahlempfehlungen entmündigen.» Acklin stören Positionsbezüge wie zur Initiative «Grüne Wirtschaft» oder zu den Öffnungszeiten von Autobahn-Tankstellenshops. Es gäbe nur wenige politische Themen, die für die Kirche nicht verhandelbar seien, so die Todesstrafe, Folter oder die Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Stärker noch als die Inhalte kritisiert Acklin die Form politischer Positionsbezüge der Kirche, die ihr mitunter besserwisserisch, paternalistisch erscheinen und bisweilen auf nur wenig Dossierkenntnis schliessen lassen: «Ein Schritt der Öffnung auf aufgeklärte Menschen, die selber denken und sich eine Meinung bilden können, wurde bisher verpasst.»

Wallimann kann mit dem Vorwurf leben. «Justitia et Pax vertritt klare Positionen, die notgedrungen nicht allen gefallen.» Zugleich gibt Wallimann zu erkennen, dass die Frage nach dem Stil von Verlautbarungen wichtig sei und gegebenenfalls überprüft werden müsse.

Das richtige Mass von Politik in der Kirche scheint also auch eine Stil-Frage. Beide Überzeugungen können sich derzeit auf Papst Franziskus berufen: Seine sozialpolitischen Voten sind deutlich, bisweilen kämpferisch und emotional. Zugleich zeigte sich selten ein Papst weniger unfehlbar als Franziskus, offenkundig ein Mensch mit Zweifeln und Schwächen. Damit fördert er eine Begegnung auf Augenhöhe und schafft Raum zum Selber-Denken.

Text: Remo Wiegand, kath.ch