Pilger ohne Ziel

Der Theologe Knut Wenzel, Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik, ist ein ausgewiesener Dylan-Kenner. Er würdigt exklusiv für das forum die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Bob Dylan.

Die Migrationsgeschichte seiner Vorfahren, die es, von antijüdischen Pogromen aus dem zaristischen Russland vertrieben, in den nordeuro­päisch-protestantisch geprägten Nordwesten der USA verschlägt, spannt eine Dynamik des Unterwegsseins bis hinein in das Werk und die künstlerische Identität Bob Dylans.

Sie kann deswegen keine schlicht-stabile Identität sein. Sie trägt selbst den Stempel des Streunens, ist eine der Masken: Wer viele Masken aufsetzt, kann dahinter verborgen bleiben: «Masked and Anonymous», so der Titel des politisch-poetischen Endzeitfilms rund um Bob Dylan («Jack Fate»!) von 2003. Die Bewegung des Streunens ist scheinbar absichtslos, ohne Ziel. Wer so reist, kommt an viele Orte. 

Bob Dylan gerät Ende 1978 in das Magnetfeld eines pfingstlerischen Hyper-Christentums. Er wird dort drei Jahre und zweieinhalb Alben bleiben: «Slow Train Coming» (1979), «Saved» (1980), «Shot Of Love» (1981). Danach folgt: «Infidels» (Ungläubige, 1983): Für Sleeve und Jacket des Albums lässt Dylan sich in Jerusalem ablichten, Felsendom im Hintergrund, Bezirk des zweiten Tempels und Moschee zugleich, die Bilder entstehen am Rand der Bar-Mizwa-Feier seines Sohns.

Es gibt eine postchristliche Phase im Werk Dylans, und sie hält bis heute an. Die Hyper-Christlichkeit des Pfingstlertums war zu eng, als dass sie die Dynamik, auch die künstlerische Energie der Pilgerfahrt Dylans hätte einfangen und festhalten können. Aber er hat diese Station seiner Reise, diese Maske seines Suchens, ausgekostet bis zum Bodensatz. Vielleicht sind dabei ein paar bodenlose Songs entstanden. Aber wer sonst macht so etwas: Songs im freien Fall auf der nach unten offenen Qualitätsskala, mit denen er sehenden Auges seinen künstlerischen Kredit, seine street credibility, aufs Spiel setzt, und das alles um der bedrängenden Verkündigung einer dringlichen Botschaft willen.

Zugleich aber geschieht Erstaunliches, insbesondere auf dem vielgeschmähten «Saved»-Album: Dylan zapft die künstlerische Vitalität jener fromm-unfrommen Melange aus Soul und Gospel an, jener Musiksprache sowohl des inbrünstigen Glaubens wie der brünstigen Liebe.

Wer «Saved» verstehen will, muss unter den Texten durchtauchen und zunächst die Punktgenauigkeit, Phrasierungsdynamik und Präsenz des Gesangs hören, um dann erst anzuerkennen, dass die Lyrics wahr sind, selbst wo sie schlicht (oder schlecht) sind: wahr nämlich in der Vehemenz ihres Ausdrucksverlangens. Und es ist eben diese Vehemenz, die Dylan über den dürftigen Rahmen des Erweckungschristentums hinaus treiben wird. Aufs weite Feld einer universalen Ausdruckssprache.

Dieses Feld, das er schon in den schwierigen Achtzigern sich nach und nach von neuem erschliesst, dann aber katalysiert durch die verdichtende Produktionsarbeit von Daniel Lanois für «Oh Mercy» (1989) wie in einem Traum sich angeeignet hat, und schliesslich, nun schon frei und gelassen und ausdrucksstark, auf den Alben «Good As I Been to You» (1992) und «World Gone Wrong» (1993) kartographiert und durchstreunt, ist die Welt, Kultur und Sprache des Folk.

Folk ist nicht Volksmusik, sondern common ground, Allmende der Poesie. Sprache, die jedem gehört und niemand. Prosa der All-Vermittlung: Schwarz mit Weiss, Frau mit Mann, Liebe mit Leid, Glaube mit Verzweiflung, Traum mit Alltag, Sehnsucht mit Ironie: Sprache, in der die Universalpoesie der Frühromantik sich mit dem Pfingstwunder der Apostelgeschichte trifft.

Im Folk verstehen alle einander in ihrer eigenen Sprache. Das ist natürlich utopisch. Und funktioniert doch. Wo ist Bob Dylan in diesem Moment seiner Never Ending Tour, und wird verstanden? 

Als Streuner auf dem common ground des Folk hat Dylan jede Religionsautorität für sich verabschiedet, nicht aber seine Religiosität.

In einem Interview für Newsweek von 1997 sagt er sich los von allen Rabbis, Predigern, Evangelisten: «Meine Religion sind die Lieder», sagt Dylan und beansprucht für sich die Gültigkeit des Hank-Williams-Songs «I Saw the Light».

Im selben Jahr tritt er vor Papst Johannes Paul II. auf: als souveränes Subjekt seines Glaubens. Bob Dylan hat nicht eine der Masken, die er aufgesetzt hat, je verworfen. Er hat den Kerngehalt seiner Wendung zum explizit Religiösen nie widerrufen. Aber er hat seine Erfahrung des Absoluten – «I Saw the Light» – rückeingebettet in die allgemein zugängliche, vielstimmige und in diesem Sinn weltliche Sprache des Folk.

Noch immer gilt, dass die Welt in jedem Moment und an jedem Ort nichts dringender braucht als – Rettung. Doch singt Dylan davon nun mit dem wirklichkeitsgetränkten und weltgesättigten Resonanzkörper des Folk. In der Art, wie Dylan diesen Resonanzkörper mittlerweile bespielt, klingt er dunkel wie die Nacht des Streuners, und Dylan singt wie ein Pilger von weit her, mit somnambuler Stimme. 

Bob Dylan hat sein Werk unter den Einfluss Arthur Rimbauds und des französischen Symbolismus gestellt und in der Tradition Walt Whitmans und der Beat Poetry geschrieben; er hat seine Lieder in den Dienst religiöser Erweckungskampa­gnen gestellt; er hat sie schliesslich erneut mit den Imaginationsreservoirs des Folk und des Blues kurzgeschlossen: Bob Dylan braucht keine Lizenz zum Dichten.

Ihm also den Nobelpreis für Literatur zusprechen heisst, ihn als den würdigen, der das nicht braucht.

Text: Knut Wenzel

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Knut Wenzel, 1962 geboren, ist seit 2007 Professor für systematische Theologie/Fundamentaltheologie und Dogmatik am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

«HoboPilgrim – Bob Dylans Reise durch die Nacht»
Knut Wenzel. Matthias Grünewald Verlag 2016. 206 Seiten. Fr. 28.90.
ISBN 978-3-7867-2876-4

«Code of the Road – Dylan interpretiert»
Knut Wenzel (Herausgeber). Reclam 2013.  324 Seiten. Fr. 19.90. 
ISBN 978-3-15-020259-3

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Stationen einer Pilgerfahrt

Knut Wenzel hat für das «Münsteraner Forum für Theologie und Kirche»

eine Liste von zehn Dylan-Songs zusammengestellt:

  1. «Ain’t Talkin’»
  2. «If Dogs Run Free»
  3. «Mr. Tambourine Man»
  4. «Love Minus Zero/No Limit»
  5. «A Hard Rain’s A-Gonna Fall»
  6. «All the Tired Horses»
  7. «What Can I Do For You?»
  8. «Series Of Dreams»
  9. «Forever Young»
  10. «Tryin’ to Get to Heaven»

Dazu schreibt Wenzel:

«Diese Liste sollte nicht als Rangfolge verstanden werden, sondern als Stationenverzeichnis einer Pilgerfahrt. Es ist die Eigenart von Pilgerfahrten, keine der Sta-tionen wirklich hinter sich

zurückzulassen: Sie werden nicht absolviert, sondern aufgespeichert. Sie sind nicht kongruent, ergeben keine Linie der Eindeutigkeit. Bob Dylans Spiritualität speist sich aus der Suche, nicht aus der Gewissheit einer besessenen Wahrheit.»

www.muenster.de/~angergun/wenzel-dylan.html

Fünf Dylan-Alben, die man laut Knut Wenzel haben sollte:

  1. Der Geniestreich
    «Blonde On Blonde» (1965)
  2. Die Opulente
    «Desire» (1976)
  3. Das Erweckungsalbum
    «Saved» (1980)
  4. Die Wiederauferstehung
    «Oh Mercy» (1989)
  5. Das Alterswerk
    «Time Out Of Mind» (1997)