SOS Narrenschiff: Bitte recht unstreng!

«Die Strengen sind nicht frei, sondern sie sind Sklaven.» – Wieder einmal führt uns Papst Franziskus mit einer provokativen Ansprache aus der Komfortzone.

Und Franziskus wird im Laufe seiner Predigt noch direkter: «Die Strenge ist keine Gabe Gottes. Die Milde sehr wohl; auch die Güte, das Wohlwollen, auch das Vergeben. Aber die Strenge nicht! […] Wie sehr leiden doch die Strengen! […] Weil es ihnen nicht gelingt, die Freiheit der Kinder Gottes zu haben.»

Im Laufe der Jahre habe ich unzählige Diskussionen mit Menschen geführt, die sich selbst als streng gläubig bezeichnen. Auf mich haben sie immer eine furchtbare Freudlosigkeit ausgestrahlt. Aber ihr Unmut hat nicht mich getroffen, denn streng gläubig wollte ich nie sein. Streng Gläubige, so habe ich den Eindruck, machen sich vor allem selbst das Leben schwer. Für sie scheint das Christentum ein ewiger Kampf. Nur schon der Gedanke, dass Gott Menschen jeglicher Couleur – auch jeglicher religiöser Couleur – ohne irgendwelche Vorleistungen zu sich in den Himmel holen könnte, treibt ihnen die Zornesröte ins Gesicht.

Ich halte das für unglaublich kindisch. Denn nach dieser Vorstellung ist Gott nur dann gerecht, wenn er von allen dasselbe verlangt und dafür auch allen dasselbe verteilt. All die Regeln, mit der uns die Kirche belegt, werden dann zum harten Wegzoll, den es zu entrichten gilt. Für recht streng Gläubige kann es deshalb nicht gerecht sein, dass am Ende auch der Leichtfuss selig wird. Da haben sie sich zeitlebens mit Regeln abgemüht, die ihnen offenbar das Leben nur schwer und nie leicht gemacht haben. Und nun soll einer genauso im Himmel landen, der zu Lebzeiten scheinbar alles geniesst, was sie sich versagen. Die streng Gläubigen erscheinen mir neidisch. Neidisch auf die Sünder mit ihren verbotenen Freuden.

Für mich dagegen ist der Glaube in erster Linie Lebenshilfe, Urgrund zur Freude und Zuversicht. Er macht mich glücklich. Er ist nicht bloss ein Busswerk, das mich vor der Hölle bewahrt.Franziskus sagt: «Die Strengen scheinen nach aussen gut zu sein, weil sie das Gesetz befolgen; aber dahinter steckt etwas, das dafür sorgt, dass sie nicht gut sind. Entweder sind sie bösartig und heuchlerisch, oder sie sind krank.»

Hier möchte man dem Papst dann doch ins Wort fallen: Sei bitte nicht so streng mit den Strengen! – Und als ob auch ihm die eigene Strenge bewusst geworden wäre, beendet er seine Predigt mit einem Gebet für uns alle: «Bitten wir den Herrn für unsere Brüder und Schwestern, die glauben, dass sie streng werden müssen, um im Gesetz des Herrn voranzuschreiten. Möge der Herr sie spüren lassen, dass er Vater ist und dass ihm die Barmherzigkeit gefällt, die Zärtlichkeit, die Güte, die Milde, die Demut. Und uns alle lehre er, mit solchen Einstellungen im Gesetz des Herrn voranzuschreiten.»

Text: Thomas Binotto

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Die Zitate aus der Predigt von Papst Franziskus wurden von Radio Vatikan festgehalten.