Stolperstein: «Ehelosigkeit»

Wer im Internet nach Wörtern mit der Endung «-losigkeit» sucht, findet eine Liste von 80 Substantiven. Mehr als 60 von ihnen – darunter «Ausweg-», «Geschmack-», «Trost-» oder «Zügellosigkeit» – besitzen eine negative Bedeutung.

Das färbt auf das Wort «Ehelosigkeit» ab. Ausserdem dürfte es in den Ohren vieler auch lautlich herb klingen. Zwei abweisende «e»-Laute zu Beginn, gefolgt von einem markanten «o» und der Endsilbe «igkeit» erzeugen den Eindruck, dass mit dem Substantiv «Ehelosigkeit» etwas Schroffes, Abgehobenes, Unangenehmes verbunden ist.

Tatsächlich bietet das Wort, wenn es in christlichen Zusammenhängen verwendet wird, Angriffsflächen zu Hauf. Es steht quer zu dem, was viele Therapeutinnen, Coaches und Schamanen empfehlen, wenn sie Menschen zu einem ganzheitlichen, erfüllten Leben verhelfen wollen. Es steht für eine Lebensform, für die sich Frauen und Männer in religiösen Gemeinschaften freiwillig entscheiden und zu der Männer, die katholische Priester sein möchten, verpflichtet werden.
Leider zieht diese Lebensform auch schwache Persönlichkeiten an, die Kontroll-Verlust fürchten, und selbstgefällige Männer. Und leider hegen manche Menschen noch immer überhöhte, im Grunde heidnische Erwartungen an ehelos lebende Kirchen­leute: Sie erwarten, dass jene so rein und engelgleich leben, wie sie selbst es nicht vermögen.

Frei gewählte Ehelosigkeit in der Nachfolge Jesu ist aber auch eine Quelle von Kreativität, Vitalität und Zivilcourage. Bei Frauen wie bei Männern. Dem Jesuiten Ignacio Ellacuria SJ schossen Todesschwadronen das Hirn aus dem Schädel, weil er sich in El Salvador unermüdlich für mehr Frieden engagiert hatte. Als Familienvater hätte er sich nicht derart aussetzen können.

Frei gewählte Ehelosigkeit dynamisiert Menschen. Der Dalai Lama lebt ehelos; auch Sigmund Freud und Mahatma Gandhi taten es lange Zeit bewusst.

Wer sich heute für die Lebensform der Ehelosigkeit entscheidet, soll dies deshalb freiwillig tun, um Jesu willen, ohne grosse Gesten, eher bereit zu dienen als zu dominieren. Und im Bewusstsein, scheitern zu können. Solche Frauen und Männer können solidarisch leben mit jenen, die unfreiwillig ehelos sind. Sie können sich für Asylsuchende mutiger einsetzen, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche eher unterlaufen, auch ausserhalb der Bürozeiten die Wege etlicher Ratsuchenden emotional intensiv mitgehen und dabei in aller Gebrochenheit auf Gott, den ganz Anderen verweisen.

Text: Franz-Xaver Hiestand SJ, Leiter des aki