Das andere Programm

Kommentar zur Präsidentschaftswahl in den USA: Was Papst Franziskus von Donald Trump unterscheidet.

Langmütig. Prahlt nicht. Sucht nicht seinen Vorteil. Ereifert sich nicht. Lässt sich nicht zum Zorn reizen. Erträgt alles. – Mit solchen Attributen lässt sich Donald Trump nicht beschreiben. Und er selbst würde eine solche Beschreibung bestimmt als beleidigend zurückweisen.

Donald Trump ist impulsiv, laut, drastisch, egozentrisch. Aber genau damit hat er die Wahl gewonnen. Jede noch so geschmacklose Ausfälligkeit hat den einen entscheidenden Eindruck verstärkt, auf den es bei der Wahl ankam: Das Versprechen von Authentizität. «So wie der in jedes Fettnäpfchen tritt, muss er echt und ehrlich sein», dachten sich offenbar viele, und empfanden das im Zeitalter permanenter medialer Inszenierung als wahre Wohltat.

Damit hat Trump seiner Wählerschaft zwei Dinge angeboten: Er hat sich zum scheinbar unverfälschten Sprachrohr für ihre Not, ihre Ängste, ihre Wut gemacht. Und er hat sich als aufrichtige Haut präsentiert, die ohne Hinterzimmer, Lobbyisten, taktisches Geplänkel und undurchsichtige Winkelzüge auskommt.

Man darf dabei nicht vergessen, dass Angst und Wut vieler Trump-Wähler reale Hintergründe haben. Die soziale Kluft in den USA ist riesig. Und die oberen Etagen aus Politik, Medien und Wirtschaft haben sich tatsächlich fernab dieser Not in einer Blase eingerichtet. Dasselbe wurde ja auch vom Demokraten Bernie Sanders kritisiert.

Im Western wäre Donald Trump ein Revolverheld, der einer gebeutelten Stadt anbietet, in einem bleihaltigen Showdown mit brachialer Gewalt alles wieder ins Lot zu bringen. Einer also, der mit scharfer Klinge den gordischen Knoten durchtrennt. Genau darin besteht das bedrohliche und gewalttätige Potential dieser Wahl. Und es droht sich zu entfalten, wenn Trump seine Versprechen brechen wird. Und er wird sie garantiert brechen müssen. Wenn also jene Wutbürger, die ihn gewählt haben, in ihren Hoffnungen enttäuscht werden. Wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, und die Genugtuung über den Denkzettel, den man «denen da oben» verpasst hat, der Ernüchterung weicht, dass die Probleme immer noch alle da sind. Während der Revolverheld nicht bereit ist, weitere Verantwortung zu übernehmen. Dann erst wird die Zerreissprobe für die amerikanische Gesellschaft in ihrer ganzen Härte sichtbar werden.

Auch Papst Franziskus ist einer, von dem wir uns Aufrichtigkeit erhoffen und ein Gespür für die Not der Menschen. Aber die Unterscheidung der Geister tut not, denn sein Angebot ist jenem von Donald Trump diametral entgegengesetzt.

Trump verspricht Lösungen für Ungeduldige. Leicht zu verstehende Lösungen, die er mit harter Hand sofort durchsetzen wird. Lösungen, für die seine Wählerschaft keinen Preis bezahlen muss. Lösungen, für die nur alle anderen, die Einwanderer, Flüchtlinge, Minderheiten oder Europäer die Zeche bezahlen werden.

Papst Franziskus dagegen fordert vor allem jene heraus, die ihm zujubeln. Er verlangt von ihnen den langen, den mühsamen Weg der Umkehr. Die kleinen Schritte der Selbstbesinnung. Das unbequeme Opfer. Die konkrete Nächstenliebe. Die geduldige Hoffnung. Das riskante Verzeihen. Die entwaffnende Umarmung.

Das Programm des Papstes steht im Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Und damit lässt sich das Programm Donald Trumps tatsächlich nicht beschreiben: «Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.»

Das ist kein Programm für naive Gutmenschen. Es ist das unverzichtbare Grundprogramm für jeden, der sich Christ nennen will, sei er nun Politiker, Journalist, Manager – oder einfach nur Mensch.

Text: Thomas Binotto