Hintersinniges: Entscheiden befreit

«Ich will beides!» – Werbespot und Botschaft einer Krankenkasse zeigen, wie gross unser Wunsch ist, nicht nur eine, sondern mehrere Möglichkeiten gleichzeitig nutzen zu können.

Vor allem mit der Freizeit besitzen wir einen riesigen Spielraum. Es gibt jedoch so viele Optionen, dass viele sich mit der Entscheidung für nur eine davon schwertun. So lange wie möglich werden alle Möglichkeiten offengelassen, denn die Angst, durch ein «Sich-Festlegen» etwas anderes zu verpassen, ist gross. Also: Niemals einer Einladung zusagen (vielleicht kommt ja noch was Besseres) und niemals absagen (vielleicht kommt eben nichts Besseres). Dadurch schieben wir den Moment der Entscheidung vor uns her und antworten mit schwammigen «Ich melde mich noch» oder «Wir können ja kurzfristig schauen, wo und wann wir uns treffen». Und am Ende machen wir oft gar nichts.

Kino mit Freunden? Oder Schlittschuh laufen gehen? Besser das neue Fitnessabo nutzen? Oder mit Kaffee und Buch zuhause bleiben? Ich bin mit den vielen Angeboten überfordert und erwische mich deswegen des Öfteren im Sumpf meiner eigenen, unklaren Antworten: «Wahrscheinlich habe ich Zeit.» Dabei ist in den meisten Fällen bereits klar, ob ich Zeit haben werde. Ich möchte jedoch abwarten. Möchte schauen, welche weiteren Anfragen herein flattern, wie sich die Situationen verändern.

Der Freund, der wissen will, ob man zur Geburtstagsparty kommt, oder die Familie, die Ferien buchen möchte. Das Rauszögern einer Entscheidung ist nicht nur für den Nächsten, sondern auch für einen selbst unangenehm – denn es blockiert. Wie anstrengend ist es doch, alle noch offenen Angebote im Hinterkopf zu behalten und im Alltag mitzutragen! Das hindert mich daran, meine Aufmerksamkeit zu hundert Prozent einer Sache zu widmen.

Das Resultat: Durch die Angst, ständig etwas zu verpassen, mache ich alles nur halb. Ich scheue die klare Antwort. Denn sich zu entscheiden bedeutet, sich festzulegen. Ausserdem schenkt es die Freiheit, mich mit vollem Engagement meiner gewählten Sache widmen zu dürfen. Entscheiden schenkt gleichzeitig mehr Planungssicherheit – mir selbst und anderen. Durch eine Entscheidung schaffe ich mir Freiraum und kann andere Dinge daneben einplanen. Ein klares Ja oder Nein ist verbindlich. Gerade diese Verbindlichkeit ist für Beziehungen ein unfassbar wertvolles Gut. Der andere kann sich auf mich verlassen und mit mir rechnen.

Ich spüre heutzutage den Druck, ständig hundert Prozent aller Möglichkeiten zu nutzen– und sei das nur mit zehn Prozent Herz. Ich möchte aber lieber zehn Prozent meiner Möglichkeiten mit hundert Prozent Herz nutzen. Ich möchte mich einer Sache voll und ganz hingeben und dort den Moment in vollen Zügen auskosten.

Text: Luana Nava