Spurensuche

Klara Obermüller ist mit 76 noch immer eine gefragte Publizistin. Ein Gespräch über das Älterwerden, Erinnerungen und Kamelritte in der Wüste.

Der Novembertag verspricht golden zu werden. Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg durch den Morgennebel. Um die Mittagszeit tauchen sie die Hohe Promenade über dem Bellevue in warme Ockertöne. Der Herbst, sagt Klara Obermüller, sei ihre liebste Jahreszeit. Und diesem Ort habe sie viel zu verdanken, die Gymi-Jahre hätten sie geprägt. In der Eingangshalle des Schulhauses steht: «Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.»

 

forum: Frau Obermüller, was haben Sie in  der Schule für das Leben gelernt?
Klara Obermüller: Disziplin – und die Erkenntnis, dass man im Leben sehr vieles erreichen kann, wenn man sich anstrengt. Die Höhere Töchterschule – wie das Schulhaus Hohe Promenade damals hiess – galt als elitäre Einrichtung, doch war sie sozial durchlässig: Die Leistung zählte und nicht die familiäre Herkunft. Leistung wurde allerdings auch etwas überbetont, während menschliche Werte wie Rücksicht und Einfühlen eher kleingeschrieben waren.

Wodurch haben Sie am meisten für das Leben gelernt?
Durch das Leben selber, durch Begegnungen mit Menschen, Erfahrungen, Lektüre. Leben lernt man durch Glücklich- und Traurig-Sein, durch fröhliche Momente und solche, die erlitten werden müssen.

Was ist denn das Wichtigste im Leben?
Mit Anstand durchzukommen. Den Menschen, die einem etwas bedeuten, ein echtes Gegenüber zu sein. Möglichst wenig Unheil anzurichten und Unrecht geschehen zu lassen. Und zu lernen, dass man seinem Leben selbst einen Sinn geben muss und ihn nicht von einer äusseren Instanz erwarten darf.

Aus der Gymi-Schülerin ist eine 76-jährige Frau geworden. Wie hat sich Ihr Lebensgefühl verändert?
Gefühlsmässig hat sich gar nicht so viel verändert – aber der Spiegel zeigt mir die Realität. Er sehe auf dem Grund der Suppenschüssel schon die Blume durch die Flüssigkeit scheinen, hat mir ein betagter Bekannter einmal gesagt. Genau so ergeht es mir: Ich blicke auf den Grund und weiss um die Begrenztheit. Das Leben wird dadurch auch kostbarer. Ich lebe den Augenblick bewusst, geniesse den Moment. Was mir wichtig ist, pflege ich, alles andere lasse ich weg.

Sind Sie denn altersmilde geworden?
Ich sehe die Dinge gelassener – aber milde? Nein. Ich möchte mir die Fähigkeit, mich aufzuregen, auch erhalten und meine Empörung frei äussern. Die Freiheit dazu war nie grösser.

Und weise?
Höchstens in dem Sinne, dass ich gelernt habe, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Positiven Altersbildern zum Trotz ist Älterwerden mit Verlusterfahrungen verbunden: Abschied vom Beruf, von geliebten Menschen, von körperlicher Unversehrtheit. Wie gehen Sie damit um?
Ich wehre mich gegen die Schönfärberei des Alters. Wir fallen von einem Extrem ins andere. Wurde vor ein paar Jahren das Alter ausschliesslich mit Defiziten gleichgesetzt, ist heute nur von dessen Charme und Würde die Rede.
Das Alter ist jedoch eine ambivalente Angelegenheit. Es hat seine schönen Seiten. Die Freiheit, über seine Zeit zu verfügen, zum Beispiel. Vorwiegend jedoch ist es mit Verlust verbunden. Ich musste mich von meinem Beruf verabschieden. Damit fertig werden, nicht mehr Teil einer Redaktion, nicht mehr dort zu sein, wo die Entscheidungen fallen. Natürlich freue ich mich, noch publizieren zu können. Doch die Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten schwinden sehr, wenn man offiziell aus dem Arbeitsleben ausgeschieden ist. Und es ist auch nicht so einfach, nicht mehr im Rampenlicht zu stehen. Gerade die Zeit beim Fernsehen war reich an Anerkennung, an Streicheleinheiten für die Seele.
Und dann ist da die körperliche Seite: Ich sehe, wie ich älter geworden bin. Das gefällt mir gar nicht. Meine Bergtouren sind kürzer geworden und weniger steil. Reisen wie etwa Kamelritte durch die Wüste sind nicht mehr möglich, die Sturzgefahr wäre zu gross. Auch die Lust an neuen Abenteuern nimmt ab.

Was fühlen Sie bei all diesen Veränderungen?
Es tut weh. Löst Bedauern und Wehmut aus. Und manchmal ärgert es. Doch ich versuche, mich den Verlusterfahrungen zu stellen. Es ist der Lauf der Dinge. 

Sie haben vor kurzem Ihre Lebenserinnerungen veröffentlicht. Was bewog Sie dazu?
Es drängte mich, herauszufinden, wie ich die wurde, die ich heute bin. Welche Menschen, Ereignisse und Erfahrungen mich geformt haben. Ich bekam Spass an dieser Spurensuche und merkte, wie Erinnerungen sich durch Fotos, Tagebücher und Briefe mobilisieren lassen und ihrerseits Erinnerungen wachrufen. Je mehr ich in diese Reise eintauchte, desto stärker hatte ich das Gefühl, langsam anzukommen. Es entstand ein Gewebe, das allmählich ein Bild ergab. Aus dem sich kein Faden herauslösen liess – und aus dem ich auch keinen Faden herauslösen wollte, auch Dinge nicht, die ich lieber nicht erlebt hätte. 

Welchen Grundton hat dieses Gemälde?
Es ist sehr vielfältig und deshalb bunt, aber sicher nicht grell. Gedämpfte Farben herrschen vor, mit einem Stich ins Melancholische.

Was hat Sie auf Ihrer Spurensuche am meisten beglückt?
Das geistige Abenteuer, die eingewobenen Muster im Bild zu erkennen.

Und was war belastend?
Alles, was ich lieber ungeschehen und ungesagt gemacht hätte. Doch an dem, was ich getan oder unterlassen habe, lässt sich nichts mehr ändern. Viele Menschen, die mich durchs Leben begleitet haben, sind tot. Ich kann ihnen nicht mehr sagen, was sie mir bedeutet haben, nicht Abbitte leisten für Verletzungen, die ich ihnen zugefügt habe. Doch nur schon darüber zu schreiben, tat gut.

Sie erzählen sehr persönlich von der prägenden Erfahrung, ein Adoptivkind zu sein, von drei Ehen oder auch, dass Sie die vermeintliche Fortschrittlichkeit des kommunistischen Ostens in den 1970er Jahren gar blauäugig beurteilt haben. Wie schwer ist Ihnen diese Offenheit gefallen?
Ursprünglich waren diese Texte ja nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Ich wollte einfach für mich Bilanz ziehen. Als mich meine Freunde zu einer Veröffentlichung ermunterten, begann ich genauer zu überlegen, wie und vor allem was ich schreibe. Was ich erzählte, erzählte ich so ehrlich wie möglich, ansonsten liess ich es weg. Ich hatte nie das Bedürfnis, mein Leben schönzuschreiben oder mit jemandem abzurechnen. Ich musste jedoch Rücksicht nehmen auf noch lebende Personen. So ergab sich eine Offenheit, die ich verantworten kann.

Sie vermitteln den Eindruck eines gelungenen Lebens …
Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass ich trotz allen Irrungen und Wirrungen zu mir und meinem Leben Ja sagen darf. Ich bin mit mir einigermassen im Reinen. Der Reichtum meines Lebens und auch seine Widersprüchlichkeit verdanken sich der Tatsache, dass ich stets offen war für Neues. Ich habe mich immer wieder auf Unbekanntes eingelassen – auch auf die Gefahr hin, dass das Vorhaben scheitern könnte.

Es ist kühl geworden auf der Hohen Promenade. Das Laub raschelt unter den Füssen, Wind wirbelt Blätter auf. Klara Obermüller wickelt den Schal enger um ihren Hals, streicht ihre kurzen, silberweissen Haare zurecht. Eine adrette Frau. Unsichtbar werden möchte sie auch im Alter nicht, sagt die Autorin. Sie wird auch noch lange dagegen anschreiben.

Text: Pia Stadler

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Klara Obermüller, geboren 1940 in St. Gallen, wuchs in Zürich auf und studierte deutsche und französische Literatur in Zürich, Hamburg und Paris.
Ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Melancholie in der barocken Lyrik, ein, wie sie sagt, «tief religiöses Thema».
Mitte der Sechzigerjahre stieg sie in den Journalismus ein, war erst Redaktorin beim «Du», später bei der «NZZ» und dann lange Jahre bei der «Weltwoche».
Von 1996 bis 2002 moderierte sie die Sendung Sternstunde Philosophie beim Schweizer Fernsehen.
Seit ihrer Pensionierung ist sie als Buchautorin und Referentin tätig.
Sie ist verheiratet und lebt in Männedorf.

Foto: Christoph Wider/forum

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Buchtipp

«Spurensuche.

Ein Lebensrückblick

in zwölf Bildern»
Klara Obermüller,

Xanthippe Verlag 2016.