Stolperstein: «Schuld»

Die Märchen der Gebrüder Grimm handeln vom Gelingen der Liebe, von der Suche nach sich selbst und der Suche nach dem Anderen. Auch Schuld und Sünde kommen in vielen Varianten vor. Ein berührendes Beispiel dafür ist das Märchen von dem Mädchen ohne Hände.

Da ist ein armer Müller, der im Wald einem alten Mann begegnet, der ihm verspricht, ihn reich zu machen, wenn er ihm das gibt, was hinter seiner Mühle stehe. Der Müller dachte, seinen Apfelbaum im Garten herzugeben, doch es war seine Tochter, die sich hinter dem Haus aufhielt. Eine Frist von drei Jahren räumte der alte Mann ein, bis er das Mädchen holen komme. Es wundert nicht, dass es der Teufel war, der diesen Handel vorschlug. Die Tochter aber war ein frommes Mädchen, die in Gottesfurcht und ohne Sünde lebte. Als der Tag kam, an dem der Teufel sie holen wollte, wusch das Mädchen sich rein, so dass er sie nicht mitnehmen konnte. Der Vater nahm ihr daraufhin das Wasser weg, doch sie wusch sich mit ihren Tränen. Der Teufel verführte den Vater, der Tochter die Hände abzuschlagen. Doch das Mädchen weinte auf ihre Stümpfe und der Teufel musste aufgeben. Das unschuldige Mädchen jedoch verlies ihr Zuhause.

Die Geschichte spinnt noch viele weitere Fäden und erzählt das Schicksal des Mädchens, dessen der Teufel immer wieder versuchte habhaft zu werden. Es ist ein grausames Märchen. Es erzählt von sündhaften Verstrickungen, die ihre Auswirkungen nicht nur für die zeitigen, die sündhaft handeln. Da sind einmal die, die an anderen schuldig werden, weil sie nur sich sehen. Reich zu sein, ist für den Müller eine zu verlockende Vorstellung, die ihn mögliche Folgen vergessen lässt. Und da sind die, die ohne eigene Schuld leiden und ihren Weg deshalb nur voller Mühe finden können.

In den Märchen sind tiefe menschliche Erfahrungen aufbewahrt. Es geht um das Überleben des Bedrohten, den Aufstieg des Verachteten, um Festhalten und Loslassen. Eugen Drewermann liest dieses Märchen als die Beschreibung des schwierigen, jedoch lohnenden Weges, den ein Mensch gehen muss, dem sein ganzes Leben als Schuld erscheinen muss und der nicht selbst schuldig geworden sein muss. Schuld, auch wenn andere dafür verantwortlich sind, lässt das Leben nur schwer gelingen.

Es gehört zu einem Märchen, dass es am Ende gut ausgeht. Das ist auch hier so. Dem Mädchen wachsen neue Hände und es erfährt das Glück wahrer Liebe. Aber es war ein weiter Weg.

Text: Birgit Jeggle, Professorin für Liturgiewissenschaft