In Glas geritzt

Traditionen sind ein wertvoller Schatz. Wie sie beflügeln, ohne zu beengen, zeigt ein Besuch bei der Glaskünstler-Dynastie Dold.

Der Verkehr ist dicht auf der Birmensdorferstrasse in Zürich, hinter den erleuchteten Fenstern des Triemli-Spitals lässt sich High-Tech-Medizin vermuten. Doch wer das schmale Strässchen hinunter zum «Waldhaus» einschlägt – vorbei an einem Fahrverbot mit Rostspuren und dem verwitterten Schild «Glasmalerei» in alter Schrift –, taucht in eine andere Welt ein. Im Atelier des Glaskünstlers Fritz J. Dold scheint die Zeit stehengeblieben. Auf langen Arbeitstischen liegen Federkiele, Stupfpinsel und Bleimesser, auf dem Leuchtpult befinden sich farbige Glasstücke und ein Diamantschneider.

«Die Glasmalerei erlebte ihre Blütezeit im 14. Jahrhundert», schmunzelt Aline Dold, die mit ihrem Vater eine gemeinsame Teilnahme an einem Wettbewerb bespricht. Kunst und Handwerk liegen ihr im Blut, die Faszination für Glas wurde ihr in die Wiege gelegt. In vierter Generation führt sie die Tradition der Glaskunst--Dynastie Dold weiter.

Im Austausch bleiben Traditionen lebendig: Aline und Fritz Dold bei der Arbeit.

Im Austausch bleiben Traditionen lebendig: Aline und Fritz Dold bei der Arbeit. Foto: Christoph Wider, forum

Die Glasmalerei erlebte ihre Blütezeit im 14. Jahrhundert.

Die Glasmalerei erlebte ihre Blütezeit im 14. Jahrhundert. Foto: Christoph Wider, forum

1 | 1

1914 wanderte Emil Dold (1885–1957) von Freiburg im Breisgau in die Schweiz ein, um einen grossen Auftrag für Kirchenfenster in der Ostschweiz auszuführen. In St. Gallen begründete er die Glasmalerei Dold, welche bis heute ein erfolgreiches Familienunternehmen geblieben ist. Sohn Fritz W. Dold (1911–1974) verlegte für die Schaffung von 200  Quadratmeter Fensterfläche des Kirchgemeindehauses Wipkingen das Atelier nach Zürich. Seither ist die Familie dem Kanton treu geblieben: Fritz J. Dold (geboren 1949) in Albisrieden und Tochter Aline (geboren 1978) im Raum Winterthur.

Unzählige Wappenscheiben, Kirchenfenster, Kopien alter Glasfenster, aber auch moderne Gemälde aus Glas und Skulpturen sind in Doldscher Handschrift entstanden. Unter Doldschem Namen wurden Expertisen angefertigt und Preise gewonnen. «Die» doldsche Handschrift allerdings gebe es nicht, betont Fritz J. Dold: «Jeder Glaskünstler hat seinen ganz eigenen Ausdruck.»

Und doch: Fritz Dold und Aline Dold sind stolz auf ihre Familientradition. Ein Stolz, der weniger in Worten Ausdruck findet als in der Begegnung spürbar wird. Tradition gebe Heimat und Fundament, sagen sie. Und: «Glasmalerei ist der schönste Beruf, den es gibt. Die Verbindung jahrhundertealter Überlieferung, Technik und kreativer Freiheit ist einzigartig.»

Der verbale Schlagabtausch zwischen Vater und Tochter hat den Unterton tiefer Zuneigung. Ein Ping-Pong auf Augenhöhe.

Der verbale Schlagabtausch zwischen Vater und Tochter hat den Unterton tiefer Zuneigung. Ein Ping-Pong auf Augenhöhe. Foto: Christoph Wider, forum

«Glasmalerei ist der schönste Beruf, den es gibt. Die Verbindung jahrhundertealter Überlieferung, Technik und kreativer Freiheit ist einzigartig.»

«Glasmalerei ist der schönste Beruf, den es gibt. Die Verbindung jahrhundertealter Überlieferung, Technik und kreativer Freiheit ist einzigartig.» Foto: Christoph Wider, forum

1 | 1

Es sei auch ein schwieriger Beruf, betont Fritz Dold. «Die Wünsche der Auftraggebenden sind nicht immer einfach zu interpretieren, in der Zusammenarbeit mit den Behörden sind oftmals Hürden zu überwinden – und die Existenzsicherung kann schlaflose Nächte bereiten.» Von Weltkriegen, mit denen seine Vorfahren konfrontiert waren, blieb Fritz Dold zwar verschont, doch erinnert auch er sich an Jahre, in denen die Auftragslage schlecht und das Portemonnaie leer war. Die Familie musste trotzdem ernährt werden.

Als Aline Dold Interesse für eine Lehre als Glasmalerin zeigte, rieten ihr die Eltern ab. Doch sie liess sich ihren Berufswunsch nicht ausreden. Plötzlich war der Vater Lehrmeister, die Tochter Lehrtochter. «Nein, so einfach war das nicht», lacht Aline Dold. «Mein Vater hatte sich bis dahin nie gross an der Erziehung beteiligt, sondern mich einfach in allem, was ich tat, liebevoll begleitet. Sein Reich war das Atelier. Nun lernte ich ihn auch von einer harten Seite kennen. Mit grosser Geduld hat er zwar mir sein -reiches Wissen vermittelt, meine Hand geführt – doch er konnte auch unerbittlich sein, wenn meine Leistung seinen Ansprüchen nicht genügte.» 

«Ich wollte dich zu einer kompetenten Fachfrau ausbilden», erwidert Fritz Dold, Schalk in der Stimme. «Das war ich dir schuldig – und auch mir. Was hätten meine Berufskollegen von mir gedacht, hätten sie ein lediglich mittelmässiges Werk von dir gesehen?» Der verbale Schlagabtausch zwischen Vater und Tochter hat den Unterton tiefer Zuneigung. Ein Ping-Pong auf Augenhöhe.
Sich vermischende Rollen waren während der Lehrzeit für beide nicht immer einfach. Und manchmal wurde die Nähe zwischen Vater und pubertierender Tochter auch schlicht zu viel.
Aline schloss die vierjährige Lehre erfolgreich ab – und ging auf Wanderschaft. Nach Lausanne erst und anschliessend an die Dombauhütte zu Köln und nach Canterbury in England.

Unzählige Wappenscheiben, Kirchenfenster, Kopien alter Glasfenster, aber auch moderne Gemälde aus Glas und Skulpturen sind in Doldscher Handschrift entstanden.

Unzählige Wappenscheiben, Kirchenfenster, Kopien alter Glasfenster, aber auch moderne Gemälde aus Glas und Skulpturen sind in Doldscher Handschrift entstanden. Foto: Christoph Wider, forum

Die Kontrollen an den Glasfenstern in Königsfelden sowie den Giacometti- und Chagallfenstern im Zürcher Fraumünster wird Fritz Dold demnächst seiner Tochter übergeben.

Die Kontrollen an den Glasfenstern in Königsfelden sowie den Giacometti- und Chagallfenstern im Zürcher Fraumünster wird Fritz Dold demnächst seiner Tochter übergeben. Foto: Christoph Wider, forum

1 | 1

Danach kehrte sie als versierte Glasmalerin in die Schweiz zurück, im Gepäck das Wissen um neue Techniken und das Selbstbewusstsein einer Frau, die in Deutschland gerade den im Krieg zerstörten Fensterzyklus aus dem 19. Jahrhundert rekonstruiert hatte. «Am Kölner Dom arbeiten zu können, ist für jeden Glaskünstler eine Auszeichnung», erklärt Fritz Dold, noch immer beeindruckt. «Da wusste ich: Es ist Zeit, in den zweiten Rang zurückzutreten.»

Längst hat Aline Dold ihr eigenes Atelier. Traditionelles Handwerk und moderne künstlerische Kreationen halten sich bei ihr wie bei ihrem Vater die Waage. Oft und gerne arbeiten die beiden zusammen, teilen sich Aufträge. Ein liebevolles Kräftemessen, das erkämpft werden musste. «Als Aline die Zusage bekam, die wertvollen Wappenscheiben im Rathaus von Stein am Rhein zu restaurieren, schluckte ich leer», erinnert sich Vater Fritz Dold. «Diese Kronjuwelen unter den Glasscheiben waren bislang mein Steckenpferd. Jetzt musst du über die Bücher, sagte ich mir. Aline brillierte mit ihrem Wissen. Mit ihren Ansichten hatte sie meist Recht. Es gibt nur einen Chef, das wusste ich. Wenn zwei dreinreden, kommt das nicht gut. Mein Grossvater und noch mein Vater waren der Überzeugung, der Ältere habe immer Recht. Ich versuche, über der Sache zustehen – und lerne stets dazu. Eine Bereicherung.»

Nicht immer im ersten Glied stehen zu müssen, lässt Freiheiten. Routinearbeiten gibt Fritz Dold seiner Tochter ab, dafür widmet er sich vermehrt freiem künstlerischem Schaffen, experimentiert mit Glas, Holz oder Metall. Auch die Kontrollen an den Glasfenstern in Königsfelden sowie den Giacometti- und Chagallfenstern im Zürcher Fraumünster wird er demnächst seiner Tochter übergeben. Sie besitzt das Fachwissen und die Erfahrung. Und noch lange wird sie ihren Vater als Berater an ihrer Seite haben und mit ihm Gestelle voller Ordner mit schriftlichen Aufzeichnungen und Fotos im -Archiv. Dort stehen auch die Bücher, die Fritz Dold eigens für seine Tochter verfasst hat: Dokumente zur Familiengeschichte, Erfahrungen mit der Glasmalerei, historisches Wissen.

Schätze, die er selbst vermisste. Sein Vater war gestorben, als er 25 Jahre war. Da blieben viele Fragen offen. Aline Dold baut auf dieser Tradition auf und geht mit eigenen Interpretationen ihren Weg. Bereits spielt ihr Sohn mit den bunten Glasmustern. Ob sie ihm dereinst raten wird, Glaskünstler zu werden? «Wer weiss», sagt sie. «Wenn es seine Berufung ist?»

Auf den Arbeitstischen liegen Gänsefedern und Stupfpinsel. Am Fenster hängt auch die mondäne «Dame mit Sonnenbrille», das Fritz Dold 1989 in Chartres einen renommierten Kunstpreis eingebracht hat. Ein Bildband zeigt das Kirchenfenster, das Aline Dold 2008 nach der Federzeichnung «Apokalypse II» von Friedrich Dürrenmatt für dessen Witwe anfertigen durfte.
Nein, die Zeit ist nicht stehengeblieben. Durchs Atelier weht der Wind der Moderne.

Text: Pia Stadler