Kirchenjahr: Advent

In Erwartung grosser Ereignisse

Advent bedeutet «Ankunft» und bezeichnet die vorweihnachtliche Zeit; das gehört auch heute noch zum allgemeinen Wissen. Die darüber hinausgehende dreifache Bedeutung der Adventszeit ist jedoch weit weniger bekannt.

Zunächst dient der Advent der Erinnerung an ein geschichtliches Geschehen. Es wird an das lange Warten der Juden auf den Messias erinnert. Der Advent versinnbildlicht aber auch das Warten aller Christen auf die Menschwerdung Gottes, die immer wieder neu geschieht. Und schliesslich kommt im Advent auch die prophetische Dimension zum Tragen, dass nämlich Jesus dereinst endgültig wiederkehren und die Menschheit erlösen werde.

Während der Advent in der römischen Kirche in erster Linie eine Zeit der Erwartung und damit unserem heutigen Verständnis vergleichbar war, wurde in der gallischen Tradition – von den irischen Mönchen geprägt – besonders die endzeitliche Dimension betont.

Das erste Mal sicher bezeugt ist die Feier des Advents im fünften Jahrhundert beim Gallier Perpetuus, der von ungefähr 460–490 Bischof von Tours war. Er nahm damals den bereits bestehenden Brauch auf, auch vor Weihnachten eine Fastenzeit zu begehen.

Diese dauerte vom 11. November, dem Martinstag, bis zum 6. Januar, der Erscheinung des Herrn. Wenn man die Samstage und Sonntage wegzählt, an denen nicht gefastet wurde, dann kommt man genau auf 40 Tage Fastenzeit, also eine ebenso lange Zeitspanne wie vor Ostern.

Papst Gregor der Große (um 540 – 604) setzte schließlich im siebten Jahrhundert die Zahl der Adventssonntage auf vier fest, allgemeine Vorschrift wurde dies jedoch erst 1570. Und selbst davon gibt es noch Ausnahmen: In Mailand werden beipielsweise bis heute sechs Adventssonntage gefeiert.

Viele Adventsbräuche sind verhältnismässig jung.

Viele Adventsbräuche sind verhältnismässig jung. Foto: Christoph Wider

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Kranz und Kalender

Obwohl Adventskranz und Adventskalender heute zu den beliebtesten Zeichen in der Vorweihnachtszeit gehören, sind sie noch verhältnismäßig jung.

Beim Adventskranz gehen die Erklärungsversuche auseinander. Einige Brauchtumsforscher glauben, dass er 1839 in Hamburg erstmals von dem evangelisch-lutherischen Theologen und Erzieher Johann Hinrich Wichern (1808–1881) eingeführt wurde und sich der Brauch im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts ausgebreitet hat. Ausgehend von adventlichen Kerzenandachten, soll schließlich um 1860 der erste eigentliche Adventskranz entstanden sein.

Andere Deutungsversuche gehen dahin, dass der Adventskranz nach dem Ersten Weltkrieg in Norddeutschland entstanden sei. So oder so bleibt er ein Brauchtum evangelischen Ursprungs und hat sich erst später auch in katholischen Gebieten durchgesetzt. Seit 1930 schmücken Adventskränze auch katholische Kirchen, und seit dieser Zeit ist er in Familien weit verbreit und beliebt.

Die Bedeutung des Kranzes ist eindeutig. Zunächst ist da einmal der Kranz, das Symbol der Krone, der damit auf die Königswürde des erwarteten Kindes hindeutet. Die vier Kerzen symbolisieren die vier Adventssonntage, gelten aber auch als ein Zeichen für das Licht, welches durch die Geburt von Jesus Christus in diese Welt hineinkommt; dies entspricht dem Bibelwort: «Ich bin das Licht der Welt.» (Johannes 8:12)

Auch der Adventskalender ist verhältnismäßig jung. Der erste selbstgebastelte Adventskalender stammt vermutlich aus dem Jahr 1851 und gehört wie der Adventskranz aus dem protestantischen Umfeld. Religiöse Familien hängten sukzessive 24 Bilder an die Wand. Thomas Mann erwähnt in seinem Roman «Die Buddenbrooks», wie der kleine Hanno «das Nahen der unvergleichlichen Zeit» auf einem von der Kinderfrau angefertigten Abreißkalender verfolgt. Sogar der Erfinder des gedruckten Kalenders ist namentlich bekannt. Es war der Münchner Verleger Gerhard Lang (1881 –1974), der 1908 als erster einen Adventskalender herausbrachte. 

Der Adventskalender kann zweifellos viel zu einem gelungenen Advent beitragen, drückt er doch in besonders sinnfälliger Weise jene freudige Erwartung aus, die das bevorstehende Weihnachtsfest in uns auslöst. Allerdings gilt auch für den Adventskalender dasselbe wie für die übrige Weihnachtsvorbereitung: Auch er sollte uns nicht vor lauter Aufwand, Raffinesse und Üppigkeit den Blick auf das Eigentliche, auf Weihnachten verstellen. Auch hier sind es oft einfache aber fantasievolle Ideen, welche die Adventsstimmung am nachdrücklichsten unterstützen und zudem dazu beitragen, dass man am Weihnachtstag nicht am Ende ist, sondern gespannt das ewig Neue aufnehmen kann.

Lebendige Legenden

Wie nirgends sonst haben die Heiligengestalten im Advent ihre Bedeutung – selbst im evangelischen Brauchtum – bewahrt. Da ist zunächst einmal der Barbaratag, der am 4. Dezember begangen wird. Über das Leben der Heiligen Barbara sind uns lediglich Legenden überliefert. Sie soll am Ende des dritten Jahrhunderts im kleinasiatischen Nikomedia (heute Izmit in der Türkei) gelebt haben und als Märtyrerin für das Christentum gestorben sein .Sie ist die Schutzpatronin der Bergleute, Geologen und Glöckner ebenso wie der Architekten, Artilleristen, Feuerwehrleute und Totengräber und Hutmacher und noch eine ganzen Reihe von anderen Berufen.

Nach wie vor weitverbreitet ist das Brauchtum mit Barbarazweigen. Frisch geschnittene Zweige eines Kirsch- oder anderen Obstbaums, aber auch Forsythienzweige werden am 4. Dezember in Wasser mit Zimmertemperatur gestellt und darin stehen gelassen. An Weihnachten sollen dann die Zweige blühen. Früher hat man aufgrund der Blütenzahl bestimmt, welche Ernte im nächsten Jahr zu erwarten war. Darüber hinaus waren und sind die Zweige aber auch ein Symbol dafür, dass mit Christus neues Leben beginnt, Leben, das auch von einem harten Winter nicht verhindert werden kann. Lange wurden Barbarazweige sogar anstelle des Christbaums eingesetzt und geschmückt.

Am 6. Dezember ist der Gedenktag des Heiligen Nikolaus, wofür heutzutage offenbar vor allem Firmen und Geschäfte dankbar sind. Endlich haben sie einen Anlass gefunden, vor Herzlichkeit überzuquellen. In der Schweiz ist Nikolaus als Samichlaus bekannt und sein Assistent Knecht Ruprecht als Schmutzli.

Dass hinter dem Nikolaus eine historische Figur steht, wissen aber nur noch die wenigsten. Nikolaus wurde gegen Ende des dritten Jahrhunderts in Patara (Kleinasien) geboren. Unter Kaiser Diokletian wurde der mutige Christ um 310 eingekerkert. Später wurde er Bischof von Myra, eine antike Stadt in der früheren geichischen Provinz Lykien (Der Ort heißt heute Demre und liegt in der Provinz Antalya in der Türkei). In Myra ist Nikolaus zu seinem legendären Ruf gekommen, und hat dort bis etwa um das Jahr 350 gelebt.

Nach Europa wurde der Heilige im Jahre 1087 «gebracht», denn damals wurden seine Gebeine geraubt und nach Bari in Italien «verschleppt». So viel ist über den Heiligen Nikolaus gesichert, der Rest sind Legenden – wunderschöne Legenden allerdings.

Am 13. Dezember feiern wir die Heilige Luzia, die sich vor allem in Italien und Skandinavien großer Beliebtheit erfreut. Nach der Legende hatte Lucia eine Armen- und Krankenstation gegründet. Berichtet wird auch, dass sie ihren Glaubensgenossen während der Christenverfolgungen Lebensmittel in die Verstecke brachte. Damit sie beide Hände zum Tragen der Speisen frei hatte, setzte sie – so die Sage –  sich einen Lichterkranz aufs Haupt, um in der Dunkelheit den Weg zu finden.

Der Luciabrauch kommt ursprünglich aus Syrakus in Italien. Aus Schweden sind die Lichterkrone und andere Lichtbräuche bekannt. Junge Mädchen schreiten frühmorgens in weißen Gewändern am 13. Dezember und mit einer Lichterkrone aus Kerzen auf dem Kopf durch die schwedischen Städte. Dabei verteilensie Safrangebäck und Pfefferkuchen. 

Weniger verbreitet ist ein Brauchtum, das den Barbarazweigen entspricht, der so genannte Luziaweizen. Am Luziatag werden auf einem Teller Weizenkörner ausgesät und bis zum Weihnachtsfest feucht gehalten. Im Verlauf der Adventszeit treiben die Körner dann aus und bilden bis zum Weihnachtsfest einen dichten, grünen Rasen. In dessen Mitte wird schließlich eine Kerze gestellt. Barbarazweige und Luziasaat sind übrigens sowohl in der katholischen als auch in der protestantischen Kirche weit verbreitet.

Die Dauer einer Schwangerschaft

Es gibt Brauchtum, das ausschließlich in der katholischen Kirche beheimatet ist, wie beispielsweise die beliebten Rorate-Messen, in der Schweiz auch «Cherzli-Messen» genannt. Im Ursprung sind das Messen zur besonderen Ehre Mariens, die bis zum 16. Dezember gefeiert werden können. Ihren Namen haben sie vom Eingangshymnus «Rorate coeli» («Tauet Himmel den Gerechten»). Vielerorts sind Rorate-Messen auch heute noch sehr beliebt, bilden sie doch einen besonders stimmungsvollen Rahmen für die Adventszeit.

Weniger bekannt ist ein Brauch, der seit einigen Jahren in Bayern wieder auflebt, das so genannte Frauentragen. Dabei wird in der Adventszeit ein Bild oder eine Figur der Madonna von Hof zu Hof getragen, begleitet von Marienlieder singenden Gemeindemitgliedern. Dieser Brauch entstand wohl in Erinnerung an die Herbergsuche, wie sie im Evangelium geschildert wird (Lukas 2:7).

Ebenfalls zur Marienverehrung gehört das Fest Mariä Erwählung am 8. Dezember. Mit Mariä Empfängnis, wie das Fest auch genannt wird, sind viele Missverständnisse verbunden – auch bei Katholiken, denn am 8. Dezember feiert die Kirche nicht etwa den Tag, an dem Maria Jesus empfangen hat. Eine Schwangerschaft von nur 17 Tagen wäre – allen wunderbaren Umständen zum Trotz – doch allzu seltsam. 

Vielmehr begeht die katholische Kirche an diesem Tag ein Fest, das in seinem Kern auf alte Vorstellungen zurückgeht, dessen Inhalt allerdings erst 1854 zum Dogma (zum Glaubenssatz) erklärt wurde. Danach wurde bereits Maria von ihrer Mutter Anna ohne alle Erbschuld empfangen. Damit wollte man, für uns heute vielleicht schwer verständlich, deutlich machen, dass Maria bereits von Geburt an für besondere Aufgaben auserwählt war.

Ganz folgerichtig kommt Mariä Geburt auf den 8. September zu liegen, also neun Monate nach «Mariä Empfängnis».

Das Fest Mariä Verkündigung – eben das Empfangen von Jesus – feiert die katholische Kirche am 25. März, genau neun Monate vor Weihnachten, und berücksichtigt damit die Normaldauer einer Schwangerschaft.

Auszug aus «Vom Osterhasen zum Christkind» von Thomas Binotto, erschienen im Elster-Verlag.

Text: Thomas Binotto

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Thomas Binotto
Elster Verlag 2010
140 Seiten
Fotos: Christoph Wider
ISBN 978-3-907668-84-9