Die Futterkrippe

Der Theologe Peter Dettwiler holt das Weihnachtsfest in eine Gegenwart, die oft sehr unselig erscheint.

Weihnachten? – Da tauchen viele Bilder auf: Lichter, Kerzen, Geschenke, Kugeln, Weihnachtsmusik, Weihnachtsduft, Tannennadeln und im besten Fall rieselt leise der Schnee.

Ein kurzer Blick in die biblische Weihnachtsgeschichte ist dagegen ernüchternd: Sie berichtet von einem jungen Paar aus der Provinz, das durch eine Laune der Besatzungsmacht zu einer umständlichen Reise gezwungen wird – ohne mildernde Umstände für Hochschwangere – und unter prekären Bedingungen das Kind zur Welt bringt.

«Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war» (Lukas 2,6–7). Das sind die nüchternen «Facts».

Alles andere ist Interpretation: die Hirten, die Engel, die Weisen aus dem Morgenland. Der harte Kern der Weihnachtsgeschichte ist völlig unromantisch. Eine absolut unspektakuläre Geschichte. Und wahr! Auch heute noch, hundertfach, tausendfach: Männer, Frauen und Kinder unterwegs, auf der Flucht, Opfer politischer und wirtschaftlicher Umstände, machtlos und verletzlich.

Engel, Hirten und Weise – das war gestern. Welcher Bote Gottes, welcher Stern erhellt uns heute diese alte Geschichte und bringt Licht ins Dunkel all dieser schwierigen Lebenssituationen, die bei einer «Futterkrippe» enden? An einem Punkt, den wir uns nicht selber aussuchen. Armselig, entwürdigend, erniedrigend, enttäuschend.

Doch gerade diese Futterkrippe ist der erste Lichtstrahl einer neuen Hoffnung: Das Kind ist trotz widriger Umstände heil zur Welt gekommen. Es hat einen Platz, wenn auch einen sehr bescheidenen. Es ist geborgen, weil geliebt.

Unterschätzen wir nicht die «Futterkrippe»! Sie ist der unscheinbare Ort, an dem Gott uns einen Neuanfang gewährt. In der Krankheit, die uns unvorbereitet trifft. Bei der Entlassung, mit der wir nicht gerechnet hatten. In der Beziehungskrise, die uns aus der Bahn wirft.

Die Krippe ist der Ort der ungeschminkten Wahrheit. Sie ist gerade -darum auch eine Chance. Hat es seine Bedeutung, dass das Leben von Jesus seinen Anfang in einer Futterkrippe nahm? Es könnte von dort ein Licht auf all diese verzweifelten Situationen fallen – in unserem Leben und im Leben so vieler Menschen –, aus denen etwas Gutes und Heilsames entstehen kann.

Text: Peter Dettwiler

Angebot laufend

Peter Dettwiler ist reformierter Theologe, ehemaliger Ökumene-Beauftragter der Reformierten Landeskirche Zürich, Mitglied der Fokolar-Bewegung.