Die Gabe des Vertrauens

Weihnachten ist äusserlich ein lautes Fest geworden. In seinem Kern aber ist es leise, unscheinbar, ärmlich. Und darin liegt seine Kraft.

An Weihnachten erwartet uns eine unglaubliche Zumutung: Wir sollen glauben, dass ein Kind in der Krippe unsere Hoffnung ist. Wir sollen darauf vertrauen, dass diese Unscheinbarkeit, diese Armut, diese Machtlosigkeit für uns den Weg bereitet.

Vor 2000 Jahren war das eine revolutionäre Umkehrung des gewohnten Bildes: Josef, der Mann, der traditionell doch als Haupt die Familie anführen sollte, steht als unscheinbarer Assistent daneben. Maria, die traditionell abhängige Frau, geht in ihrem Vertrauen als eigentlich Starke voran.

Und das Kind, das nackt und bloss in der Krippe liegt, soll unser König sein. Allerdings ein König ohne Aussicht auf Macht und Reichtum, auf Ehre und Erfolg. In bitterer Armut geboren und schon bald auf einer Flucht ins Ungewisse. Weihnachten ist in seinem Anfang ein Versprechen ohne Aussicht auf Erfüllung. Ein leises Fest abseits von den grossen Aufmerksamkeit.

Das Vertrauen in dieses Versprechen fällt uns heute noch genauso schwer wie vor 2000 Jahren. Vertrauen zu wagen, macht uns immer noch Angst.

Diese Angst wird nicht kleiner durch alle jene, die Vertrauen mit Gehorsam verwechseln und von uns verlangen, dass wir ihnen blindlings folgen. Sie vergeht auch nicht, wenn sich Menschen an die Macht drängen, indem sie unser Vertrauen durch Posen und Phrasen erschleichen.

Titelblatt-Illustration forum 26/2106. Erläuterung dazu in der rechten Spalte.

Titelblatt-Illustration forum 26/2106. Erläuterung dazu in der rechten Spalte. Foto: Nadja Hoffmann, forum

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Vertrauen entsteht nicht, wenn Verunsicherung mit rüdem Tonfall und ruppigen Umgangsformen überspielt wird. Und auch nicht im zwanghaften Versuch, alles unter Kontrolle zu bringen, um erst dann – scheinbar ohne jedes Risiko – vertrauen zu können.

Reichtum und Macht, Ehre und Erfolg sind nur auf den ersten Blick Garanten für ein angstfreies Leben. Wir müssten es wissen, denn wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt – und fühlen uns doch verunsichert oder sogar bedroht. Und die Zahl der Menschen, die in ihrem Alltag von Angst verfolgt werden, die ihr Vertrauen in sich und das Leben verlieren, diese Zahl steigt Jahr für Jahr.

In der Politik, der Wirtschaft, dem Gemeinwesen und auch in der Kirche – überall beobachten wir Krisen, fürchten wir Verluste, sorgen wir uns um die Zukunft. Der ängstlichste Akteur der Weihnachtsgeschichte ist bezeichnenderweise auch der mächtigste und reichste: König Herodes. Die Angst vor dem Verlust ist offenbar die Kehrseite von Macht und Reichtum.

Auch wenn wir Vertrauen auf Selbstvertrauen reduzieren, gehen wir einen sehr, sehr engen Weg. In einem übersteigerten Anspruch auf Autonomie erscheint dann jeder, der anderen vertraut, als schwach und unselbständig.

«Du musst an dich selbst glauben!» ist ein gängiger Aufruf. Wenn ich diesen allerdings radikal beim Wort nehme, werde ich am Ende versuchen, mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Je grösser der Druck zur Autonomie, desto grösser die Gefahr, an diesem Druck zu zerbrechen, krank zu werden und schliesslich genau das zu verlieren, was man doch so sehr stärken wollte: das Selbstvertrauen.

Die Weihnachtsgeschichte erzählt davon, was es bedeutet, schwach zu sein und Vertrauen zu wagen. Nicht einmal Gott «glaubt an sich selbst». Er macht sich von einer Frau abhängig, vertraut darauf, dass sie ihn empfängt. Diese Frau wiederum liefert sich ihrem Verlobten aus und macht sich von seinem Vertrauen abhängig.

Und der Sohn Gottes schliesslich wird in die existentielle Abhängigkeit eines Babys hineingeboren. Ein Baby, das komplett ausgeliefert ist, zu einem Vertrauen gezwungen, das weder auf Erfahrung noch auf gute Gründe abgestützt ist.

Dieses wehrlose Kind liegt nicht nur dieses eine Mal so nackt und bloss in der Krippe. Es liegt da immer wieder. Weihnachten für Weihnachten erinnert es die Christen daran, dass sich ihre Hoffnung hier auf Erden niemals im Triumph durchsetzen wird. Sie werden nicht den Weg des Reichtums, der Macht und des Erfolgs gehen.

Wer an das Christkind glaubt, der ist auf einem meist unspektakulären Weg unterwegs. Sein Weg ist nicht eine Autobahn der Gewissheit und des Erfolgs. Es ist ein Weg im Armseligen, Bedürftigen, Schwachen. Ein Weg auch in der Abhängigkeit.

Genau darin liegt aber die verändernde Kraft der Weihnacht. Ihre eigentliche Gabe ist das Vertrauen. Erst im Vertrauen – in andere und in mich – können wir Tag für Tag unser Leben bewältigen. Erst im Vertrauen entsteht Gemeinschaft. Erst im Vertrauen halten wir Machtlosigkeit überhaupt aus. Erst das Vertrauen erlaubt uns aber auch das Lösen aus unguten Abhängigkeiten. Erst im Vertrauen entsteht der Mut zur Veränderung. Erst im Vertrauen wagen wir den Sprung ins Ungewisse. Erst im Vertrauen können wir Schwäche eingestehen und dann – hoffentlich – erleben, dass wir getragen werden. Erst im Vertrauen kann selbst eine Eisschicht zum tragenden Grund werden.

Weihnachten bedeutet, dem Christkind diese Gabe des Vertrauens zu schenken. Weihnachten bedeutet aber auch, vom Christkind diese Gabe zu empfangen. Das ist unsere Hoffnung. Sie ist klein, sie ist machtlos, sie ist armselig – aber sie trägt eine unglaubliche Kraft in sich.

Text: Thomas Binotto

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Zum Titelbild 26/2016

Jeder Glaube ist eine mehrschichtige Collage von Raum und Zeit. Ein Sammeln, Gewichten, Deuten und Kombinieren von Traditionen.

Das Weihnachtsfest greift weit zurück in die vorchristliche Zeit und weit hinaus in den nichtchristlichen Raum. In ihm stecken dramatische Dringlichkeit genauso wie dekorative Schönheit.

Sichtbar wird dies in der symbolischen Bildgeschichte des Christentums. Im abweisend kargen Gestrüpp beispielsweise, das im Weihnachtslied «Maria durch ein Dornwald ging» plötzlich wunderschöne Rosenblüten trägt. Oder im unscheinbaren «heidnischen» Glücksbringer, für den Kinder stundenlang eine Wiese absuchen.

Die Collage von Nadja Hoffmann ist schön. Sie ist auch dekorativ. Sie lässt es aber gleichzeitig zu, in die Symbolwelt des Christentums einzutauchen und die Vielschichtigkeit des Weihnachtsfestes immer wieder neu zu entdecken.

Thomas Binotto