Kirche tut Busse

In einer ergreifenden Feier bekannten die Schweizer Bischöfe und ­Ordensobern gegenüber den Opfern sexueller Übergriffe im kirchlichen ­Umfeld die Schuld der Kirche.

Berührend sind die Fürbitten in der Basilika Valeria in Sitten, an diesem 5. Dezember:  «Um nie mehr die im kirchlichen Umfeld stattgefundenen sexuellen Übergriffe unter den Teppich zu kehren, zu verharmlosen oder zu relativieren», betet eine Frau mittleren Alters, die als Vertreterin der Opfer sexueller Übergriffe mit brüchiger Stimme spricht. Sie ist das Kind eines Priesters, wird sie später gegenüber kath.ch sagen. Und sie weiss inzwischen, dass sie noch vier Halbgeschwister mit anderen Müttern hat. Es ist ein ergreifender Moment, als sie zusammen mit Bischöfen und Ordensvertreterinnen und -vertretern ihre Fürbitte vorträgt.

Nach jeder Bitte entzündet ein anderer Bischof oder Ordensvertreter eine Kerze auf dem Altar. «Hilf uns, an einer wirksamen Prävention der sexuellen Übergriffe zu arbeiten», sagt Markus Büchel, Bischof von St. Gallen.  Gebetet wird auch für diejenigen Opfer, «die nichts mehr von der Kirche wissen wollen», sagt Marian Eleganti, Weihbischof im Bistum Chur. «Zeig uns Wege, wie wir uns ihnen in demütigem Schuldbewusstsein nähern können.»

Ihren Höhepunkt erreicht die feierliche Liturgie, als die Bischöfe allesamt niederknien und im Wechselgesang mit einem kleinen, nicht sichtbaren Chor den Psalm 130 singen, in dem es heisst: «Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten, Herr, wer könnte bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient.» Im anschliessenden Gebet sagt Charles Morerod, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz: «Wir bekennen dir unsere Schuld, an der wir miteinander tragen. Wir sind bereit, unsere Verantwortung anzunehmen für Vergangenheit und Gegenwart und an der Heilung der Wunden mitzuwirken.»

Rund 70 Personen haben sich in der Basilika von Valeria in Sitten eingefunden, haben den steilen, schmalen Weg zur Kirche erklommen und harren in der ungeheizten Kirche aus. Ordensleute, darunter einige Obere, die Mitglieder der Bischofskonferenz, zu der auch die Äbte von Einsiedeln und St-Maurice gehören, Vertreter der staatskirchenrechtlichen Körperschaften und der kirchlichen Gremien für sexuelle Übergriffe in kirchlichem Umfeld. Nebst den Ordensoberen sind erstmals auch Vertreter der Opfer anwesend, von denen die meisten jedoch anonym im Hintergrund bleiben.

Text: Sylvia Stam, kath.ch

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Nach der Bussfeier sprach Bischof Charles Morerod an einer Pressekonferenz von «Nulltoleranz» und «Totaltransparenz» bei sexuellen Übergriffen.

Giorgio Prestele, Präsident des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz, präsentierte die bisherige Tätigkeit der katholischen Kirche in dieser Thematik.

Die Richtlinien von 2002 wurden zweimal überarbeitet, neu sind deren Anerkennung auch durch die Ordensgemeinschaften sowie die Ausweitung auf alle im kirchlichen Bereich tätigen Personen (Katechetinnen, Sakristane, Jugendarbeiter, Kirchenmusikerinnen).

Die meisten Fälle sexueller Übergriffe fallen laut Prestele in die Jahre 1950 bis 1980. In jüngerer Zeit seien diese weniger massiv und würden rascher gemeldet, auch dank der Fachgremien und Ansprechpersonen, die inzwischen in allen Bistümern eingerichtet wurden. Schwerpunkt sei heute die Präventionsarbeit. Besonders hervorgehoben wurde das Leiden derjenigen Opfer, deren Fälle verjährt sind. Sie seien für die Bischöfe
«besonders erdrückend», sagte Felix Gmür, Bischof von Basel, weil diese Menschen nirgends Gehör oder Genugtuung erhalten hätten.

Als Zeichen der Solidarität sei daher ein Fonds geschaffen worden, der diesen meist bereits betagten Menschen eine Entschädigung bezahle.

kath.ch