Abt in der Zwingli-Kirche

Abt Urban Federer und Gastgeber-Pfarrer Christoph Sigrist gaben im Grossmünster Zürich Zeugnis freundschaftlicher Ökumene.

Zu Beginn der Dialogpredigt im ökumenischen Gottesdienst vom 17. Januar zur Woche der Einheit der Christen legte Pfarrer Sigrist die Hand auf die Zürcher Froschauer-Bibel, die auf dem zum Altar umfunktionierten Taufbecken lag. Er wolle die Geschichte der Brüder Jakobus und Johannes zur Diskussion stellen, die ihren Vater verliessen, um Jünger Jesu zu werden. «Auch du hast die Familie verlassen und dich entschieden, ins Kloster einzutreten. War das ähnlich für dich?», fragte Sigrist. «Gleich und doch anders», antwortete Abt Urban. «Die Brüder folgten Jesus auf seinen Ruf. Das heisst aber nicht, dass sie glaubten», erklärte er.

Auch bei ihm hatte der Entscheid, die Klosterschule Einsiedeln zu besuchen, erst andere Gründe, etwa die Möglichkeit, in der Nähe Ski fahren zu können, wie Federer schmunzelnd zugab. Erst als er dort war, wurde ihm irgendwann klar, dass er im Kloster bleiben wollte. Da war er um die 20 Jahre alt. Sein Vater habe versucht, ihm andere Lebenswege zu zeigen. Doch als er merkte, dass nichts zu machen war, liess er ihn mit den unvergessenen Worten ziehen: «Du musst glücklich werden. Geh und tue, was du tun musst.»

«Wie kannst du deinen Weg in die Bibelgeschichte einbauen?», fragte Federer seinen Gastgeber. «Ich wollte schon als Fünfjähriger Pfarrer werden», antwortete Sigrist. Er habe damals einen schwarzen Hut vor dem Küchenfenster vorbeigehen sehen, den er auch gerne gehabt hätte. Seine Mutter habe erklärt, dass das der Pfarrer gewesen sei. «Deshalb wurde ich Pfarrer», meinte Sigrist und erntete Lacher.

Der Ruf sei später ernsthaft geworden, fügte Sigrist hinzu und berichtete über ein Kindheitserlebnis. Er hatte einen Obdachlosen wegen dessen Hässlichkeit ausgelacht – und wurde vom Vater zurechtgewiesen. Dieser Mann sei genauso schön wie er selbst in Gottes Augen. Mit seiner Behinderung – der Vater hinkte – habe er das beste Werkzeug, um das zu verstehen. Noch heute ist der Grossmünsterpfarrer überzeugt: «Meine Zerbrechlichkeit ist das Werkzeug, mit dem ich meine Berufung am besten leben kann.»

Abt Urban Federer und Pfarrer Christoph Sigrist im Gespräch mit Gottesdienstbesuchern.

Abt Urban Federer und Pfarrer Christoph Sigrist im Gespräch mit Gottesdienstbesuchern. Foto: Regula Pfeifer

1 | 1

Ein Orgelspiel setzte ein, die beiden Geistlichen hörten andächtig zu. «Wie sieht denn bei dir die Nachfolge Jesu konkret aus?», wollte Sigrist danach wissen. «Meine Berufung zum Mönchtum heisst: Ich suche Gott.» Federer verwies auf das mehrmals täglich stattfindende Gebet in der Gemeinschaft. Als Abt habe er aber eine andere Funktion. «Abt» komme von «Abba» und das heisst Vater, sagte Federer. «Ich versuche, der Gemeinschaft voranzugehen mit Worten und vor allem mit Taten.» Dies, obwohl einige Mönche älter seien als er. Und als Priester wolle er den Pilgern das Wort des Heils zusprechen.

Ein Alltag in der Bruderschaft sei sicher wohltuend, sagte Sigrist. Er als Pfarrer sei allein – aber in Gemeinschaft mit den Gläubigen. «Ich versuche wie Don Camillo mit Gott zu leben», fuhr er fort. Dann zeigte er ins Kirchenschiff. «Zwingli war überzeugt, dass alles Dekorative ablenkt von Gott, und liess alles entfernen.» Für ihn ein richtiger Entscheid. «In diesem leeren Raum passiert die Reduktion auf das Wesentliche.» Abt Urban hingegen zitierte einen vorreformatorischen Mystiker: «Wir brauchen das Bild, um zum Wesentlichen zu kommen.» Seine Entgegnung umfasste er aber gleich mit versöhnenden Worten. Der heutige Gottesdienst zeige: «Ökumene kommt über die freundschaftliche Begegnung.» Wer die Kirchengeschichte kenne, könne der heutigen Begegnung die gebüh- rende Bedeutung zumessen.
«Ja, unsere Freundschaft ist da», bestätigte Sigrist. «Du gibst mir Kraft, anderen Mut für diesen Weg zu machen», erklärte er zum Schluss. Dann übergab er dem Abt einen signierten Dachziegel vom Grossmünster. Er müsse nicht meinen, dass das Dach der Kirche nun durchlasse, witzelte Sigrist. «Ich bin froh, dass das kein Symbol für einen Dachschaden bei uns ist», gab Urban Federer unter Lachern zurück.

Text: Regula Pfeifer, kath.ch