Fastenzeit: Lust auf mehr

Die Verdrehung des «Süssen», des Schönen, Lustvollen zu Sünde und dessen Verquickung mit dem schlechten Gewissen wurden leider zu tief verankerten christlichen Grundhaltungen.

Kürzlich habe ich meine Geschwister gefragt, welche Erinnerungen sie mit der Fastenzeit verbinden.

«Bei mir hat die Fastenzeit ein schlechtes Gewissen gegenüber den ‹Sünden› ausgelöst – beispielsweise Süsses essen – was wohl der Hauptantrieb für Fastenversuche war», antwortete mein Bruder. Der Mitzwanziger spricht mit diesem Satz stellvertretend für Christen und Christinnen aus vielen Kulturen und Zeiten. Das Süsse – die Sünde – das schlechte Gewissen. Wären die Auswirkungen dieser unseligen Trias über die Jahrhunderte hinweg in psychologischer und spiritueller Hinsicht nicht derart tragisch, könnte ich über die Gleichsetzung von Süssigkeiten und Sünde laut lachen.

In seinem ursprünglichen, uralten Sinn ist Fasten der zeitlich beschränkte Verzicht auf ein grundlegendes Alltags- element (Essen, Alkohol, Sex, Geselligkeit). Die Anstrengung, die es bedeutet, Gewohntes und Liebgewonnenes wegzulassen, wird freiwillig in Kauf genommen, weil einem der erwartete Mehrwert – die Suche nach Gott und die Erfahrung der eigenen Tiefen und Grenzen – diesen Preis wert ist.

Die Verdrehung des «Süssen», des Schönen, Lustvollen zu Sünde und dessen Verquickung mit dem schlechten Gewissen wurden leider zu tief verankerten christlichen Grundhaltungen. Mit seiner körperfeindlichen Haltung (übrigens nicht hausgemacht, sondern aus dem Platonismus importiert) vermischt das Christentum zwei komplett verschiedene Dinge: den vitalisierenden, kurzzeitigen Verzicht zugunsten von etwas Grösserem – und die entvitalisierende Überzeugung, dass alles, was (körperlich) sättigt und beglückt, von Gott wegführt. Fasten wurde so zur grauen Pflichtübung.

Da erscheint es mir nur verständlich, dass sich die Mehrheit der Zeitgenossen abgewendet hat von einer christlich geprägten Praxis der Enthaltsamkeit – auch wenn Enthaltsamkeit per se aktuell bleibt. Beispiele dafür sind digital detoxing oder ayurvedische Entschlackungsretreats.

Wie kann man heute gut fasten? Folgende drei Fragen können den Weg weisen: Was raubt mir im Alltag Lebendigkeit und Zugang zu meiner Tiefe? Bin ich bereit, eine Weile lang darauf zu verzichten, um zu schauen, was dahinter auf mich wartet? Wie lange?

Es lohnt sich. Das schlechte Gewissen braucht’s nicht. Und ein Mehr wartet hinter diesem Verzicht mit Sicherheit.

Text: Lea Stocker

Angebot laufend

Lea Stocker (35) ist Assistenzärztin am Unispital Zürich und Mitglied der Arbeitsgruppe

«Für eine Kirche mit den Frauen».