Stolperstein: «Heil»

Heil ist mehr als physische oder psychische Gesundheit.

Kurz vor Weihnachten berichteten die Medien von einer kleinen Sensation: Die Trägerrakete «Falcon 9» sei aus der Erdumlaufbahn zurückgekehrt, und zwar – so konnte man wörtlich lesen und hören – heil. Erstmals ist ein solches Flugobjekt ganz und unversehrt wieder auf der Erde gelandet. Im Wesentlichen muss nichts geflickt, wiederhergestellt, «geheilt» werden. Das ist tatsächlich erstaunlich, wenn man an den Druck und die Spannungen denkt, denen die Rakete ausgesetzt war.
Druck und Spannungen erleben wir direkt und indirekt in vielfältiger Weise: Leistungsdruck, gespannte Beziehungen, Spannungen in den Kriegsgebieten, den Druck der Flüchtlingsströme, den Druck, dem unsere Mitschöpfung ausgesetzt ist. Und sie sind bedrohlich. Unerbittlich vergegenwärtigen sie uns, dass wir auch als Einzelne heillos in den Unheilszustand unserer Welt verstrickt sind. Von Heil und Unversehrtheit keine Spur, möchte man da deprimiert oder resigniert sagen.

Tatsächlich wäre es so, wenn wir nicht diese grosse Sehnsucht hätten: nach gelingendem und gelungenem Leben, nach Glück, nach Ganzheit – oder eben nach Heil. Dieser Sehnsucht gilt es zu trauen, ihr zu folgen. Lassen wir unser Leben von ihr bestimmen, können wir Momente des Heils erleben: Wenn wir uns selbst bejahen, wenn wir kreativ sind, wenn uns das Zusammenleben gelingt, wenn wir unser Leben als sinnvoll erfahren. Heil ist mehr als physische oder psychische Gesundheit. Wenn es uns beispielsweise gelingt, unheilbar Krankes anzunehmen und in unser Leben zu integrieren, kann gerade dies zur Erfahrung von Heil in einem umfassenden Sinn werden.

Zeichen für dieses umfassende Heil waren Jesu Heilungen an Leib und Seele. Sie ermöglichten sowohl die Rückkehr in Familie und Gesellschaft als auch die religiöse Reintegration. Das Leben der geheilten Menschen wurde so ganzheitlich wiederhergestellt. Sie erfuhren damit Schalom. Das bedeutet nicht nur Frieden, sondern auch Heil, und zwar besonders im Hinblick auf die Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zu Gott. Diese dreifache Beziehung soll so entspannt wie möglich sein und nicht bedrücken. Wer sich von diesem Schalom leiten lässt, kommt trotz mancherlei Druck und vielfältigen Spannungen heil und ganz, aber wohl kaum unversehrt durchs Leben und schliesslich zu dem Heil, das sowohl unsere je individuellen Leben als auch das Weltganze in seiner räumlichen und zeitlichen Dimension umfängt. So ist es uns verheissen.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Bildungsbeauftragte