Spotlight: Himmelsboten

Als die Engel «ihre Flügel bekamen».

Unsere Kirchen sind oft mit zahlreichen Engelfiguren verziert. Man könnte nun glauben, dass diese Darstellungen genau anhand der biblischen Engelbeschreibungen entstanden sind. Aber beim Nachlesen in der Heiligen Schrift wird man überrascht: Engel mit Flügeln sind nicht selbstverständlich!
Die Engelgestalten, die Abraham, Isaak und Jakob begegnen, sind flügellos. Denn in den meisten biblischen Büchern kommen Engel nicht herangeflogen; diese Information fehlt. Besonders eindrücklich ist die Erzählung von Jakob und der Himmelsrampe (Gen 28). Die Boten Gottes fliegen dort nicht durch die Gegend, sie wandeln sogar an einer Rampe auf und nieder. Wer Flügel hat, benutzt doch keine Rampe, um sich zwischen Himmel und Erde zu bewegen.
Es ist wahrscheinlich, dass die christlichen Engelfiguren einen recht griechischen Hintergrund haben: Eros- und Nike-Darstellungen (beides geflügelte Gottheiten) beeinflussten die Vorstellung der biblischen Himmelswesen. Der Kontakt mit dem griechischen Gedankengut, mit dem Hellenismus, hat den biblischen Engeln wahrscheinlich erst ihre Flügel gegeben.
Auch heutzutage begegnen zum Beispiel Friedhofsbesucher Engelfiguren auf Schritt und Tritt. Sie werden von den alten jüdisch-christlichen Beschützern in griechischer Gestalt daran erinnert: Unsere religiösen Vorstellungen stehen auf hohen Schultern und haben Integration betrieben.

Text: Florian Lippke

Angebot laufend

Fragment eines Marmorsarkophags mit Amoretten (150–200 n. Chr.)

GFig 2009.4
Bibel+Orient Museum, Freiburg