Stolperstein: «Tradition»

Die kürzeste Anleitung für lebendige Tradition stammt von Paulus: «Prüft alles, das Gute behaltet.»

Wer Tradition sagt, meint zuerst Qualität: Das Bier wird nach dem traditionellen Reinheitsgebot gebraut und verspricht ungetrübten Trinkgenuss. Der Bäcker wirbt für sein Holzofenbrot mit dem Slogan «Aus Tradition gut». Wenn ein Backrezept von Generation zu Generation weitergegeben wird, passt das zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes, denn das lateinische «traditio» bedeutet «Weitergabe, Überlieferung».
Bei der Weitergabe des Glaubens ist es oft schwieriger als beim Bäcker. Die Kirche backt mit traditionellen Zutaten, aber der Geschmack der Kunden hat sich verändert. Den einen schmecken nur die alten Rezepte, die anderen wünschen sich längst neue. Die Konservativen in unserer Kirche wollen ängstlich die Vergangenheit retten und sind blind für die Gegenwart. Den Progressiven gehen die dringend nötigen Reformen nicht schnell genug, sie stecken in einer Tradierungskrise. Für beide gibt es ein modernes Rezept, das selber wiederum traditionell ist: «Prüft alles, das Gute behaltet», sagt Paulus den Christinnen und Christen im antiken Saloniki, die gerade Gefahr laufen sich zu spalten (1 Thess 5,21). Paulus will, dass Tradition verbindet und nicht spaltet. Und das gilt bis heute.

«Tradition…!» – Mit diesem Ausruf erlangte Tevje, der Milchmann aus Anatevka im Musical «The Fiddler on the Roof» von Sholem Alejchem Weltruhm. In hintergründigen Monologen denkt der verarmte Tevje über die Heiratswünsche seiner Töchter nach und wägt das Für und Wider der jüdischen Tradition ab. Die Art, wie Tevje gleichzeitig den Stolz auf die Vergangenheit und das Ringen mit der Gegenwart seiner religiösen Tradition besingt, macht ihn liebenswürdig und tragisch zugleich. Er weiss, was er an seiner Tradition hat. Aber er hadert auch mit ihr, und das macht ihn auch aus katholischer Sicht sympathisch.

Von Thomas Morus stammt der berühmte Aphorismus: «Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.» Wenn viele zeitgenössische Menschen vor allem viel Asche in unserer Kirche sehen, könnten ihnen gelungene Predigten, attraktiver Religionsunterricht und lebendige Katechese zeigen, dass unter der Asche noch viel Glut ist, die sich schnell für die Sache des Glaubens entflammen lässt. Wenn Tradition heisst, sich glaubend dem Wandel zu stellen, dann können wir als Kirche künftig ruhig noch mutiger mit dem Slogan werben «Aus Tradition gut». Genau wie der Bäcker von nebenan, dessen Steinofenbrot Qualität hat und so wunderbar duftet.

Text: Christian Cebulj Professor für Religionspädagogik und Katechetik an der THC