Gott in der Stube kennen lernen

Kinder lernen Gott zuhause kennen. Mütter kommen wieder in Kontakt mit ihrer Religion. Der Heimgruppenunterricht soll im Kanton Zürich ausgebaut werden.

«Wo isch Gott?/im Himmel/wo isch das?/überall…» Etwas scheu singen die fünf Kinder ein Lied. Der Ohrwurm führt fragend das Thema der heutigen Unterrichtsstunde ein, das schlicht und ergreifend «Gott» heisst. Wir befinden uns im Wohnzimmer von Karin Kaufmann in Fehraltorf. Die Ambiance ist heimelig und schulisch zugleich: Während die Kids auf dem Sofa die Geschichte vom gottsuchenden Benjamin hören, fläzen sie unbekümmert herum. Sekunden später recken sich eifrige Hände in die Höhe. Wo ist Gott? «Im Himmel!» proklamiert ein Junge bestimmt. «Aber man kann mit dort oben reden.»

Heimgruppenunterricht (HGU) gibt es im Kanton Zürich seit 1972. Pfarrer Andreas Burch führte in Kloten das aus Frankreich stammende Modell ein. HGU auf der ersten, teilweise auch auf der zweiten Primarstufe wird heute in 50 der 95 Zürcher Pfarreien praktiziert. Lag anfänglich die Gesamtverantwortung noch in den Händen von Ehrenamtlichen, ist seit letztem Jahr die Katholische Kirche im Kanton Zürich zuständig.

Im Wohnzimmer bei einer «Unti-Mutter» bekommen Kinder in heimeliger Umgebung neue Zugänge zum Glauben.

Im Wohnzimmer bei einer «Unti-Mutter» bekommen Kinder in heimeliger Umgebung neue Zugänge zum Glauben. Foto: Remo Wiegand

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«Wir würden den Heimgruppenunterricht gerne weiter ausbauen», wirbt Uta-Maria Köninger von der Fachstelle für Religionspädagogik, «denn die HGU-Frauen sind für die Eltern oft der erste Kontakt zur Pfarrei.» Um die Attraktivität des HGU zu steigern, hat die Fachstelle die Ausbildung professionalisiert und die Körperschaft die Entschädigungen angehoben.

Die «Unti-Mütter» genannten Katechetinnen –in seltenen Fällen sind es Katecheten – bereiten jede Lektion zusammen mit der HGU-Verantwortlichen ihrer Pfarrei vor. In diesen Treffen entdecken sie selber ihre Religion wieder. Eine Bereicherung, findet Karin Kaufmann: Heuer habe sie sich zum Beispiel selber wieder einmal überlegt, wie man sich Gott eigentlich vorstellen könne. Die Antwort in der von ihr ausgesuchten Geschichte überzeugte sie: «Gott ist wie Luft und Liebe: Nicht sichtbar, aber lebenswichtig, und immer da.»
Am Ende der Lektion der HGU-2-Klasse notieren die Kinder die Erkenntnisse des Tages ins Unterrichtsheft. Ein Mädchen schreibt nichts, lieber malt sie expressiv in verschiedenen Farben. Während unter ihren Gspänli leises Gemurmel ertönt, lobt Karin Kaufmann die Zeichnung explizit. Das Mädchen nickt zufrieden. Heimgruppenunterricht hat eine integrative Wirkung, in einer anderen Gruppe gehört ein Kind mit dem Down-Syndrom zur kleinen HGU-Klasse. Denn Gott, singen die Kinder, ist eben gerade auch dort, «wo Mänsche Hand in Hand/de Schwache lueged».

Text: Remo Wiegand