SOS Narrenschiff: Venus von Burka

Früher ging Rassismus so: «Die Zigeuner kommen, schliesst alles Hab und Gut weg!» – Heute: «Der iranische Präsident kommt, verhüllt unsere Venus!»

Hatte die italienische Regierung wirklich Angst, der persische Gast könne die kapitolinische Venus nach antikem Brauch entführen? – Wollte man Hassan Rohani beschützen, weil jeder Muslim augenblicklich vom Glauben abfällt, sobald er lateinischer Schönheit ausgesetzt wird? – Oder sollte die verhüllte Venus ihm gar vorgaukeln, er habe Teheran gar nie verlassen?
Das Letzte muss es sein. Man hört ja immer wieder von Schweizern, die an New York vor allem die bünzligen Vororte schätzen. Die in Hawaii Alphorn statt Aloha suchen. In Tokyo auf Rivella und Ragusa statt Sushi und Sake schwören. Und in Kenya Hauskatzen, Schosshunde und Kanarienvögel fotografieren.
Wer erinnert sich nicht an begeisterte Reiseberichte darüber, wie man in Rio de Janeiro hüftsteif tanzt, wie sich in Indien jeder sein leeres Viererabteil sucht, wie man in Las Vegas den guten Geschmack pflegt, in Australien seinen Schrebergarten, und wie sich ein Urlaub am Mittelmeer anfühlt, wie vom Schweizer Uhrwerk getaktet nämlich.

Ja, das muss es wohl sein: Man wollte dem iranischen Gast die schockierende Erkenntnis ersparen, tatsächlich in Europa gelandet zu sein. Mit dieser Form von rassistischer Fürsorge sind längst nicht nur Italiener vertraut. Wir praktizieren das inzwischen wie ein neues Ritual. Niemand soll mitkriegen, dass wir unsere Tradition schätzen, unsere Kultur pflegen oder unseren Glauben lieben, denn wir trauen weder uns noch anderen eine Toleranz zu, die auf gegenseitiges Kennenlernen, Erklären und Entdecken baut. Wir erwarten Wertschätzung, ohne je deutlich gemacht zu haben, welche Werte wir denn gerne geschätzt haben möchten. Wir befürchten, dass jede Überzeugung aus uns zwangsläufig Überzeugungstäter macht.
Die kapitolinische Venus von Burka erinnert mich daran, wie ich vor vielen Jahren unsere Gäste jeweils nicht mit dem sonst üblichen Tischgebet vor den Kopf stossen wollte. Das hätte auch wunderbar geklappt, wenn wir nicht Kinder gehabt hätten. – «Warum beten wir heute nicht?» – Damit haben sie jeweils kurz und bündig meine Verhüllungstaktik zerstört. Und ach, wie war das jeweils peinlich! Aber nicht für unsere Gäste. Und auch nicht für unsere Kinder. Sondern nur für mich. Gekräht hat der Hahn zwar nicht gerade, aber belustigt mit den Flügeln gezuckt vermutlich schon.

Text: Thomas Binotto