Stolperstein: «Opfer»

«Opfer» ist ein vielfältig verwendetes und auch von Diktaturen missbrauchtes Wort. Dennoch bewahrt es für jene, die sich am Weg von Jesus Christus orientieren eine zentrale Bedeutung. 

Bedeutungen dieses Wortes sind zahlreich, das in den lateinischen Verben «operari» (der Gottheit dienen) und «offerre» (darbieten) wurzelt. Wir sprechen etwa von «Opfer», wenn in einer kultischen Handlung etwas einer Gottheit dargereicht, also am Altar ein «Opfer dargebracht» wird. Auch das Lebewesen, das dargebracht wird, heisst so. So kann ein Tier als «Opfer ausgewählt» werden.
Weiter gebrauchen wir das Wort, wenn jemand um einer höheren Idee willen auf einen Gegenstand verzichtet oder sich sogar selbst hingibt, wenn also Eltern für ihre Kinder «keine Opfer scheuen» oder ein Mensch «nach Jesu Vorbild zum Opfer geworden ist», damit andere Menschen leben.

Auch wer durch ein Verbrechen, eine Katastrophe oder Kriegshandlungen geschädigt wurde, ist ein Opfer. Und schliesslich setzen Jugendliche die Wendung «Du Opfer» ein, um einen anderen Menschen verbal fertigzumachen. Noch immer löst das Wort «Opfer» bei vielen Europäern, leider auch Christen, heftigste Aggressionen aus. Das ist fatal.
Sicher, totalitäre Diktaturen missbrauchten zu jeder Zeit ihre Bevölkerungen, wenn sie diese zu gewaltigen Opfern aufriefen. Deshalb wollen wir weiterhin genau hinhören, wenn politische und religiöse Führer mit dem Wort hantieren.

Doch gleichzeitig bleibt aktuell, was einige Dichter und Forscher in den letzten hundert Jahren darüber schrieben. Rudolf Kassner widmete 1910 Rainer Maria Rilke den Satz: «Der Weg von der Innigkeit zur Grösse führt über das Opfer.» Und der US-Kultautor Sam Shepard meinte vor 15 Jahren, es sei verhängnisvoll, dass heute viele Leute spirituelle Erfahrungen machen wollten, ohne Opfer zu bringen. Solche Einsichten mögen jene Menschen aufrütteln, die sich in einer Wohlfühl-Spiritualität oder -Religiosität eingerichtet haben.
Und der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt hat in einer wegweisenden Studie das Konzept des «geistigen Opfers» herausgearbeitet. Er meint damit den freiwilligen Selbsteinsatz in der Nachfolge Jesu und zeigt auf, wie Demokratie, Wissenschaftsbetrieb und Sozialarbeit darauf beruhen. Jesu Sterben in Liebe für andere bleibt für Christen das Opfer schlechthin. Der freiwillige Selbsteinsatz, der sich an diesem Weg Jesu orientiert, hat jede Säkularisierung überlebt, so Angenendt. Ohne diesen, ohne diese Haltung ist auch heute Humanität nicht denkbar. In äusserster Gefahr bleibt eine Gemeinschaft darauf angewiesen, dass sich einige opfern, damit andere leben.

Text: Franz-Xaver Hiestand SJ, Leiter des aki