Teilen ohne Gewinn

Teilen sei ein Megatrend, wird behauptet. Aber ist damit wirklich das gemeint, was Martin von Tours getan hat und wozu die Fastenzeit aufruft?

Eine Fastfood-Kette wirbt in diesen Tagen mit dem Slogan «Teilen lohnt sich». Man kann sich längst nicht bloss Autos und Ferienwohnungen teilen. Im Internet herrscht ein rasant wachsender Markt dieses Teilens. Von «Rent a Rentner» bis «TauschObst». Längst wird dieses Phänomen mit eigenen Begriffen wie «Sharing Economy» oder «Generation Tauschen» beschrieben. Die Car-Sharing-Genossenschaft «Mobility» versteigt sich in ihrem jüngsten Newsletter gar zur Behauptung: «Noch nie haben sich die Menschen derart viele Dienstleistungen und Dinge geteilt wie heute.» Steckt hinter der Sharing Economy wirklich die Grosszügigkeit und soziale Sensibilität des heiligen Martins, der seinen Mantel teilte, um einen Bettler vor dem Erfrieren zu retten?

Die Fastfood-Kette lockt bezeichnenderweise mit Profitorientierung. Wer hier teilt, für den lohnt es sich. Zu zweit kriegt man mehr für sein Geld. Diese Gewinnorientierung bestätigt auch der Mobility-Newsletter: «Mit unseren Smartphones teilen wir heute nämlich rund um die Uhr und überall, und das meistens erst noch zu günstigeren Preisen als bei herkömmlichen Anbietern.» Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren dieses Trends ist also «Immer und überall». Dieses Teilen entspringt einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Man gibt den Besitz eines eigenen Autos auf. Und gewinnt dafür die Möglichkeit, aus einer ganzen Flotte mit unterschiedlichen Fahrzeugtypen auswählen zu können, vom Kleintransporter bis zum Cabrio. Man teilt sich Fahrzeuge nicht mehr zur Entlastung der Natur, sondern aus Gründen der Bequemlichkeit. Im Idealfall steht uns am Ende immer und überall genau das Wunschfahrzeug zur Verfügung, um das wir uns nicht zu kümmern brauchen. Man muss es nicht warten, keinen Parkplatz mieten oder suchen, überlässt den Versicherungs- und Amortisationskram anderen. Dieses Teilen ist ein Geschäftsmodell und keine selbstlose Mantelteilete.

Martins Teilen ist grosszügig und selbstlos. Es verlangt Verzicht, Achtsamkeit und Gemeinschaft.

Martins Teilen ist grosszügig und selbstlos. Es verlangt Verzicht, Achtsamkeit und Gemeinschaft. Foto: Nadja Hoffmann

Im Teilen entsteht Beziehung. Genau das drückt sich auch im Wort «Caritas» aus, das sowohl Fürsorge wie Liebe bedeutet.

Im Teilen entsteht Beziehung. Genau das drückt sich auch im Wort «Caritas» aus, das sowohl Fürsorge wie Liebe bedeutet. Foto: Nadja Hoffmann

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Worte wie «Privat» und «Teilen» klingen sympathisch. Aber weder der Ferienwohnungsvermittler Airbnb noch die Privattaxibörse Uber haben etwas zu verschenken. Airbnb wird auf über 25 Milliarden Dollar geschätzt und gilt bereits als ebenso wertvoll wie die Hilton-Hotelgruppe. Der Wert von Uber wird gar auf über 50 Milliarden Dollar geschätzt. «Privat» ist hier nur noch ein Tarnwort für «dereguliert» und «teilen» für «gewinnoptimiert». Damit wird die Sharing Economy zu einer drängenden Herausforderung für den Staat, aber auch für die Gewerkschaften.
Im Herbst des vergangenen Jahres wurde in San Francisco darüber abgestimmt, ob die Expansionspläne von Airbnb eingeschränkt werden sollten. Airbnb steckte mehr als acht Millionen Dollar in die Abstimmungskampagne, um dies zu verhindern. Die Gewerkschaften auf der Gegenseite konnten gerade mal knapp 500 000 Dollar aufbringen. Airbnb gewann schliesslich. In seinem Bericht dazu schrieb USA-Korrespondent Walter Niederberger im «Tages-Anzeiger»: «Was den Siegeszug solcher Unternehmen schwer verdaulich macht, ist ihr Unwillen, sich an den sozialen Kosten zu beteiligen. Anders als alte Taxifirmen muss Uber in San Francisco keine Abgaben für die Finanzierung der öffentlichen Verkehrsbetriebe abliefern.»

So unkompliziert der Tauschhandel auch daherkommen mag, er trägt genau wie jedes andere Wirtschaftssystem eine soziale Herausforderung in sich. Was passiert mit jenen Menschen, die nichts zum Tausch anbieten können? Bleibt der Gewinn des Tauschens jenen vorbehalten, die an diesem Handel teilnehmen können. Wie gehen wir mit jenen um, die von diesem Handel teilweise oder vollständig ausgeschlossen sind: Kinder, Kranke, Alte, Arme? Wie wird in der Sharing Economy der soziale Ausgleich geschaffen?

Parallel zur Social Economy haben die Social Media auch den sozialen Aspekt des Teilens ins Bewusstsein gerückt, jenen des Mit-Teilens. Man nimmt an, dass heute pro Tag auf Facebook über 20 Milliarden Beiträge geteilt werden. Allerdings geht es auch hier wie in der Social Economy bei genauerer Betrachtung nicht darum, etwas abzugeben. Das Wort «teilen» wird hier geradezu in sein Gegenteil verkehrt, denn effektiv geht es nicht darum, die Aufmerksamkeit zu teilen, sondern sie immer weiter zu steigern. Man erfährt bezeichnenderweise von keinem Twitterer, dass er damit prahlt, wie vielen anderen Twitterern er folgt. Worauf es ankommt, ist allein, wie viele Follower er hat. Das Web 2.0 ist letztlich ein sehr eifersüchtiger Raum. Hier leiht man nicht Aufmerksamkeit, man holt sie sich, man buhlt darum. Sowohl die Sharing Economy wie das Social Web pervertieren letztlich das Wort «Teilen». Ihr Konzept verführt gerade nicht zur Grosszügigkeit, sondern zum Geiz.

Der heilige Martin hat seinen Mantel nicht bloss geteilt, er hat ihn zerstört. Damit konnte er einen Bettler vor dem Erfrieren retten. Aber eine Lösung auf Dauer war das nicht. Martin ist grosszügig und achtsam. Er wendet sich dem Bettler zu und nimmt seine Not wahr. Aber er kann bloss eine Notlösung anbieten und verdeckt den grundsätzlichen Mangel nicht. Auf Dauer brauchen nämlich beide einen ganzen Mantel: Martin und Bettler. Nüchtern betrachtet hat Martin damit ausserordentlich unwirtschaftlich gehandelt, denn anstatt zwei Mäntel braucht es nun drei, weil Martin ja einen zerstört hat. Der Slogan «Teilen lohnt sich» trifft also in seinem Falle finanziell betrachtet überhaupt nicht zu.

Hinter Martin steht jedoch ein ganz anderes Konzept des Teilens, als dies Sharing Economy und Web 2.0 verfolgen. Sein Teilen verlangt soziales Bewusstsein. In seinem Teilen entsteht Beziehung. Genau das drückt sich auch im Wort «Caritas» aus, das sowohl Fürsorge wie Liebe bedeutet. Und genau darum geht es, wenn die Kirchen in ihrer Fastenkampage zum Teilen auffordern.
Martins Teilen ist grosszügig und selbstlos. Es verlangt Verzicht, Achtsamkeit und Gemeinschaft. Martin würde seine Wohnung mit einem Obdachlosen teilen. Er würde in seinem Auto einen Gestrandeten mitnehmen. Aber er würde daraus nie ein Tauschgeschäft machen. Martin teilt aus Liebe zum Mitmenschen und nicht, weil er sich damit das Leben finanziell und organisatorisch effizient einrichten will.

Text: Thomas Binotto