Licht ins Dunkel

Oscarpreisträger «Spotlight» widmet sich den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in den USA.

In der Oscarnacht zum besten Film gewählt und für das beste Drehbuch ausgezeichnet, beleuchtet «Spotlight» die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den USA.

Regisseur Tom McCarthy widmet sich dem Thema aber nicht aus Sensationsgier und Lust am Skandal, sondern eher wie ein Wissenschaftler. Wie jemand, der sich mit den allgemein zugänglichen Ermittlungen nicht zufriedengibt, weil er sich von den Vorgängen so aufgewühlt fühlt, dass er das ganze Ausmass und die ganze Wahrheit offenlegen will.

«Spotlight» erinnert an eines der grossen Vorbilder in der Filmgeschichte, an Alan J. Pakulas «Die Unbestechlichen» aus dem Jahr 1976, in dem es um die Aufdeckung des Watergate-Skandals durch zwei Journalisten der «Washington Post» geht. Auch McCarthys Film ist Zeitungsdrama, journalistische Recherche und Detektivgeschichte in einem.

McCarthys Film ist Zeitungsdrama, journalistische Recherche und Detektivgeschichte in einem.

McCarthys Film ist Zeitungsdrama, journalistische Recherche und Detektivgeschichte in einem. Foto: Praesens Film/zvg

Ein Grossteil der Handlung spielt in den Redaktionsräumen des «Boston Globe».

Ein Grossteil der Handlung spielt in den Redaktionsräumen des «Boston Globe». Foto: Praesens Film/zvg

Es bedurfte eines neuen Redaktionsleiters, um die Enthüllung in Gang zu setzen.

Es bedurfte eines neuen Redaktionsleiters, um die Enthüllung in Gang zu setzen. Foto: Praesens Film/zvg

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Ein Grossteil der Handlung spielt in den Redaktionsräumen des «Boston Globe» und kreist um die investigative Arbeit eines Teams der Zeitung, das für seine Berichte später mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Dabei wird nicht unter den Tisch gekehrt, dass auch die Reporter des «Boston Globe» viele Jahre zuvor schon um die Vorgänge gewusst haben. Denn Mitverantwortung für die Vertuschung der Missbrauchsfälle trugen nicht nur die Täter selbst und Verantwortlichen auf der Leitungsebene des Erzbistums Boston bis hin zu Kardinal Bernard F. Law.

Hier und da waren Einzelheiten in die Öffentlichkeit durchgesickert, aber alle, die Kenntnis davon hatten, praktizierten eine Kultur des Wegsehens und des Schweigens um des grösseren Ganzen willen. Auch in den Etagen des «Boston Globe» bedurfte es erst eines aus Miami gekommenen neuen Redaktionsleiters, der das alle Institutionen der Stadt durchdringende katholische Establishment mit nüchterner und zu publizistischer Aktivität mahnender Skepsis betrachtete. So konnte ein kleines Journalistenteam mit dem scheinbar aussichtslosen Unterfangen beginnen, unter Verschluss gehaltene Akten und lange vernachlässigtes Beweismaterial ans Licht zu bringen.

Der Film tut sich am meisten in jenen Passagen hervor, die die Komplizenschaft von Kirchenmännern, Anwälten und Zeitungsleuten aufdecken, denen das verhängnisvolle Schweigen der vorausgegangenen Jahre zu verdanken war. Auch die Reporter selbst stammen aus dem Umfeld der katholischsten Millionenstadt der USA. Und auch sie sind nicht frei von Skrupeln, aber sie sind überzeugt davon, dass sie eine Aufklärungsarbeit zu leisten haben, die wichtiger ist als Rücksicht auf ihre Erziehung und Herkunft.

McCarthy erzählt die Geschichte der mühsamen, schrittweisen Entwirrung eines Geflechts aus Abwiegelung und Vertuschung in ruhigen, sachlichen und unspektakulären Szenen. Seine Darsteller hält er zu zurückhaltenden Gesten an. Das macht «Spotlight» glaubwürdig und rückt die Rekonstruktion der hochsensiblen Vorgänge in die Nähe eines Dokumentarfilms.

Regisseur McCarthy scheut aber nicht davor zurück, die ans Licht gekommenen Fakten zu benennen. Etwa die Tatsache, dass es zum Beispiel bei den beschuldigten Priestern nicht bloss um ein paar «faule Äpfel» geht, sondern um eine lange Liste von Namen, die schliesslich ja auch den Kardinal zum Rücktritt veranlassten. Das letzte Wort über den Bostoner Kirchenskandal ist ein Film wie «Spotlight» allerdings nicht. Zu einseitig stehen in ihm die Reporter und der investigative Journalismus im Mittelpunkt und nicht die Missbrauchsopfer, die mehr als Randfiguren fungieren. Sie haben einen eigenen Film verdient.

Text: Franz Everschor/kath.ch

Angebot laufend

«Spotlight»
USA 2015
Regie: Tom McCarthy
Buch: Tom McCarthy, Josh Singer
Besetzung: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Stanley Tucci…

«Spotlight» läuft derzeit in mehreren Städten im Kanton Zürich.