SOS Narrenschiff: Blindflug

Auch schon mal versucht, der Liebsten die Wünsche von den Augen abzulesen? – Und auch schon gestöhnt: «Mann, ich bin wohl Analphabet!»?

Unzählige TV-Romanzen sind schon daran zerbrochen, dass Männer an der letzten Stufe zur wahren Liebe versagt haben. Bis dahin wurden sie gelotst, aber jetzt sollen sie es alleine hinkriegen: Stützräder ab, Sicherheitsnetz weg, Souffleuse aus. Und dennoch versagen die meisten Männer trotz fürsorglicher Nacherziehung kläglich und stolpern über die einzige Stufe, auf die es wirklich ankommt.

Während wir diesem traurigen Spektakel zusehen, fragen wir Männer uns ständig: Weshalb nur bohrt sich der Blick dieser hilflosen Kreaturen so verzweifelt ins Auge ihrer Liebsten? – Während die Frauen längst wissen: Sie versuchen, Wünsche von ihren Augen abzulesen.

Das ist natürlich sexistisch, denn unsere männliche Geradlinigkeit wird darin völlig verkannt. Wir lieben es halt offen heraus. Sagt uns, wir sollen eine Glühbirne austauschen, und wir lassen alles (andere) liegen. Fordert uns dazu auf, eine abgetragene Jeans zu entsorgen, und wir gehorchen (ohne) Murren und Klagen. Erinnert uns daran, dass Hochzeitstag ist, und wir brauchen den Blumenstrauss (nur) noch hervorzuzaubern.

Wenn man uns lässt, sind wir eine Wunscherfüllungsmaschine. Man muss uns nur mit Daten füttern, dann spucken wir alles aus: Ferien mal ganz woanders. Abende mal ganz überraschend. Komplimente mal ganz unerwartet. Aber wenn wir tief in die Augen unserer Liebsten blicken, dann suchen wir dort niemals das Kleingedruckte. Dort sehen wir Intensität, Jubel, Tiefe, Begehren, Ekstase – nötigenfalls Nachwuchs. Ist das nicht poetisch!

Wenn’s ums Wünschen geht, setzen wir auf männliche Direktheit. Wir wol- len ein neues iPad! Und zwar prä- zise ein iPad Pro, 12,9’’ Retina Display, WiFi + Cellular Modell, 128 GB, Space Grau. Nur den Preis lassen wir manchmal weg. Zu viel technische Informa- tion verwirrt. Niemals würden wir unsere Wünsche über verklemmte Pfade wie stilles Stöhnen bei der Benutzung des alten Tablets (Modell «Ohne irgendwas») andeuten oder über beiläufige Bemerkungen zur Software, die darauf nicht mehr läuft.

Wir würden niemals Dinge sagen wie: «Lächerlich, was mein Bruder mit all diesen Gadgets treibt, diesem völlig unnötigen iPad Pro, 12,9’’ Retina…» Und wir würden niemals, niemals unseren kurz bevorstehenden Geburtstag ins Spiel bringen. All das tun wir Männer nicht. Wir stehen breitbeinig hin und sprechen frei heraus: «Schatz, ich will!»

So viel Direktheit kann man von keinem Auge ablesen. Wenn also eine Frau von uns wünscht: «Heute Nachmittag will ich in die Stadt, um mir ein Paar neue Schuhe zu kaufen. Graublau, halbhoch, Nubukleder, mittelhohe Absätze, textiler Stretcheinsatz auf der Seite. Und ich wünsche, dass du mitkommst.» Dann braucht sie das nur genauso zu sagen und sogleich werden wir Männer voll spontaner Herzlichkeit ausrufen: Dein Befehl ist mir Wunsch!

Und wir tun das, obwohl wir ohne Augenleserei genau wissen, dass es anschliessend zum Hosenkauf geht. Den längst fälligen Ersatz für unsere abgetragene Jeans besorgen.

Text: Thomas Binotto