Stolperstein: «Fasten»

Fasten wird häufig mit Verzicht und Askese verknüpft. Wer sich auf das Fasten einlässt, wird jedoch Offenheit und Mehr-Werden erleben.

«Nein danke, kein Dessert für mich. Ich bin am Fasten.» Es gibt wohl nur wenige Zeitgenossen (und noch weniger Zeitgenossinnen) in der westlichen Gesellschaft, die diesen oder einen ähnlichen Satz nicht schon einmal ausgesprochen oder gedacht hätten. Wenn der Hosenbund drückt, die Anzeige auf der Waage nicht mehr das gewünschte Gewicht zeigt oder gar gesundheitliche Probleme drücken, dann fassen wir schon einmal den Vorsatz: «Jetzt muss abgenommen werden. Vorbei mit den abendlichen Schlemmereien…»

Mit Fasten wird meist zunächst einmal verzichten verknüpft. Verzichten auf die schönen Dinge rund um Essen und Trinken – der Figur oder der Gesundheit willen. In diesem Kontext ist Fasten nicht wirklich positiv besetzt. Wer verzichtet schon gerne? Hinzu kommt, dass es auch gar nicht so einfach ist mit dem Verzichten. Überall locken die Versuchungen. Auf einmal scheint sich alles nur noch ums Essen oder Trinken zu drehen. Von jeder Reklametafel strahlen uns glückliche, essende Menschen entgegen, in jedem Fernsehfilm essen und trinken die Protagonisten scheinbar unentwegt. Man muss sich also beim Fasten schon ganz schön «kasteien», wie ein altes Wort sagt.

Mit dem Fasten ist es allerdings eine eigentümliche Sache. Der Anfang ist recht schwer. Alles scheint sich nur um das Verzichten zu drehen, der «innere Schweinehund» ist oft ziemlich gefordert. Wer aber einmal richtig gefastet hat – also nicht nur auf das Stückchen Schokolade zum Kaffee verzichtet hat, sondern dem Körper nur die notwendigste oder keine Nahrung hat zukommen lassen – der kann von einer interessanten Erfahrung berichten.

Der Körper scheint beim Fasten frei zu werden, um eine neue Art von Aufmerksamkeit für das Innere und das Äussere zu gewinnen. Die Geschmacksnerven werden sensibler, die Ohren offener, die Augen klarer, die Stimme prägnanter, die Haut zarter. Nicht selten kommt Unerledigtes aus dem tiefsten Inneren an die Oberfläche, Fragen nach dem Sinn des Lebens werden virulent. Die ganze Bedürftigkeit des Menschen und sein Hin-Geordnet-Sein auf etwas, das seine Existenz übersteigt, kann sich zeigen.

Im Fasten kann sich der Mensch auf neue Weise öffnen und dabei zu sich selbst kommen. Die Feststellung, dass alle grossen Religionen die Praxis des Fastens kennen und bestimmte Zeiten zu «Fastenzeiten» ausrufen, kann also nicht mehr überraschen. Es geht dabei dann nicht so sehr um Verzichten, sondern um ein Mehr-Werden, um eine Vergewisserung der eigenen Existenz.

Text: Birgit Jeggle, Professorin für Liturgiewissenschaft in Chur