Königliche Glasfenster

Die Kirchenfenster des Klosters Königsfelden zählen europaweit zu den Höhepunkten spätmittelalterlicher Glasmalerei. Sie zu erhalten, ist eine Kunst für sich.

Wer über die weitläufige Anlage der Psychiatrischen Dienste Aargau geht, wandelt auf historischem Grund. Auf den Ruinen des römischen Legionslagers Vindonissa errichteten die Habsburger im 14. Jahrhundert das Kloster Königsfelden mit Klarissen- und Franziskanerkonvent. Vom einstigen Bauensemble zeugt heute vor allem noch die Klosterkirche, ein Hauptwerk der Bettelordensarchitektur.

«Königsfelden steht in der Tradition mittelalterlicher Stiftungen», erklärt Martina Huggel, leitende Kuratorin und stellvertretende Direktorin des Museums Aargau, zu dem Königsfelden seit 2009 gehört. «Nach dem Mord an König Albrecht I. von Habsburg 1308 unweit des Reussübergangs bei Windisch galt es, dessen Seelenheil zu retten. Nach der mittelalterlichen Vorstellung konnten die Lebenden für die Toten vorsorgen. Mit Gaben wie Kelchen und Kreuzen oder der Stiftung ganzer Klöster und Kirchen sollte die Zeit, welche die Verstorbenen im Fegfeuer verbringen mussten, verkürzt und ihnen der Weg ins Paradies geebnet werden.»

Königin Elisabeth, die Witwe Albrechts I. sorgte mit der Gründung des Klosters Königsfelden nicht allein für ihren Ehegatten, sondern auch für ihre Nachkommen vor. Damit schuf sie auf dem Windischer Plateau einen habsburgischen Memorialort, wo Fürbitte für die Familienmitglieder geleistet werden konnte. Elisabeths Stiftungswerk wurde von ihrer Tochter, Königin Agnes von Ungarn, 1317 bis 1364 weiter- und zum Höhepunkt geführt.

Präsentiert spätmittelalterliche Glasmalerei vom Feinsten: Die Klosterkirche im aargauischen Königsfelden.

Präsentiert spätmittelalterliche Glasmalerei vom Feinsten: Die Klosterkirche im aargauischen Königsfelden. Foto: Foto: Museum Aargau/zvg

Fritz Dold (links) und Urs Wohlgemuth (rechts) bei Retuschier- und Dokumentationsarbeiten am Niklaus-Fenster im Atelier Königsfelden 2002.

Fritz Dold (links) und Urs Wohlgemuth (rechts) bei Retuschier- und Dokumentationsarbeiten am Niklaus-Fenster im Atelier Königsfelden 2002. Foto: nike kulturerbe/zvg

«Auferstehung Christi» in der Klosterkirche Königsfelden

«Auferstehung Christi» in der Klosterkirche Königsfelden Foto: Museum Aargau/zvg

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Während grosse Teile der Klosteranlage im 19. Jahrhundert abgerissen wurden, blieb deren Hauptschatz, die Glasfenster der Klosterkirche, bestehen und wurde mehrfach restauriert.

«Eine urkundlich nicht fassbare, führende Werkstatt mit stilistischen Einflüssen aus dem Gebiet Oberrhein/Strassburg und Konstanz/Bodenseeraum hat mit diesem Zyklus zwischen 1320 und 1360 einen Höhepunkt der europäischen Glasmalerei des 14. Jahrhunderts geschaffen. Überliefertes Können verbindet sich mit modernsten Elementen: bahnenübergreifende Bildmedaillons, perspektivische Räumlichkeit, differenzierte Farbigkeit», sagt Fritz Dold, international anerkannter Glaskünstler mit traditionsreicher Werkstatt in Zürich und mitverantwortlich in Königsfelden während der Restaurierung von 1987 bis 2002. 
Ein aufwändiges Unterfangen, das er zusammen mit dem Restaurator Urs Wohlgemut und eng begleitet von der kantonalen und der eidgenössischen Denkmalpflege realisierte.

Die Jahrhunderte seit der Auflösung des Klosters 1528 hatten ihre Spuren hinterlassen. Durch Witterungseinflüsse und Vandalismus verloren die Fenster schon bald Teile ihrer originalen Verglasung. Im 17.  und 18. Jahrhundert wurden die Lücken im Chor mit Glasmalereien aus den Langhausfenstern gefüllt. Diese waren nach dem Umbau des Langhauses in ein Kornhaus und Salzlager überflüssig geworden. 

Zwischen 1896 und 1900 wurden die Glasmalereien durch den Zürcher Glasmaler Richard Nüscheler restauriert und ergänzt. Hauptziel war es, das ursprüngliche Konzept der Chorfenster wiederherzustellen. Alle Fenster wurden neu verbleit und fehlende Partien in den erhaltenen Bildfeldern neu geschaffen. In den Fenstern auf der Südseite des Chores, welche die meisten ihrer originalen Felder verloren hatten, wurde nur die ursprüngliche Komposition rekonstruiert und grösstenteils auf bildliche Ergänzungen verzichtet. 

«Die Restaurierung Nüschelers erfolgte, dem Zeitgeist entsprechend, im Stil des Historismus. Anders als heute, wo versucht wird, das Vorgefundene zu erhalten, wollte man damals einen vermuteten ursprünglichen Zustand herstellen, auch wenn es ihn so vielleicht nie gegeben hat», sagt Fritz Dold. Zerbrochene Gläser galten als wertlos, wurden weggeworfen und durch Neuschöpfungen ersetzt, die nie an die ursprüngliche Aussage heranreichten.

Dolds Credo: «Gute Restauration ist nicht sichtbar.» Ein fachkundiger Restaurator verändert nichts, es sei denn, es gelte, Verfälschungen aus früheren Restaurierungsarbeiten rückgängig zu machen. «In Königsfelden fanden wir glücklicherweise einige Originalteile wieder, denn heute können gebrochene Gläser geleimt, Sprünge unsichtbar retuschiert werden. Und Christus am Kreuz, der als Fremdkörper aus dem zentralen Chorfenster hervorstach, konnten wir dank eingehender Recherchen wieder in seine gotisch-schlanke Originalgestalt zurückführen.»

Fritz Dold erinnert sich gut an die erste akribische Bestandesaufnahme, bei welcher der Zustand der Fenster erfasst und minutiös fotografisch festgehalten wurde. Trotz grossen Einbussen auf der Südseite war kein Fenster vollständig verloren und ein Bildprogramm von seltener Geschlossenheit erhalten geblieben. «Der Zustand der Fenster war jedoch desolat», erklärt Fritz Dold und spricht von Lochfrass, Zerglasungen, Verbräunungen, Wettersteinbelägen über den Malereien, Pilzbefall, gelockerter Malerei, Sprüngen und Zersetzung der Bleiprofile.

Für die Restaurierung wurde in einem Nebengebäude der Kirche ein alarmgesichertes Atelier eingerichtet. Fritz Dold war ganz dem originalen Werk und seiner Substanz verpflichtet. Mit grossem Einfühlungsvermögen für Form und Qualität, mit kunsthistorischem Know-how und dank eingehenden Kenntnissen historischer Techniken und vergleichenden Studien früherer Darstellungen wurden die Glasscheiben gereinigt und teilweise neu bemalt, fehlende Stücke speziell gefertigt und eingesetzt, Fenster gesichert und mit neuer Schutzverglasung ausgestattet.

Jeder noch so kleine Schritt, jede Farbe, ja die Bleilegierung wurde dokumentiert. «Alles muss nachvollziehbar und reversibel sein», erklärt Fritz Dold. «Nachfolgende Generationen sollen darauf aufbauen können.»

Fritz Dold plädiert für die Erhaltung der Patina. «Zum Charme alter Gläser gehören Schmutz und Korrosion mit dazu», ist er überzeugt. Die Königinnen Elisabeth und Agnes wären noch immer von ihren Fenstern begeistert.

Text: Pia Stadler

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«Königsfelden war ein bedeutendes Element der habsburgischen Erinnerungskultur.»

Martina Huggel, leitende Kuratorin und stellvertretende Direktorin des Museums Aargau.

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«Die Königsfelder Glasfenster zu restaurieren, war ein Highlight meiner 50-jährigen Karriere als Glaskünstler.»

Fritz Dold, Glaskünstler und Restaurator

Was ist zu sehen?

Das Bildprogramm zeigt im Chorscheitel die Passion Christi, seitlich begleitet von seiner Menschwerdung und den Erscheinungen nach dem Tod. Nach Westen folgen sich paarweise gegenüberstehend Vorläufer und Nachläufer Christi, Johannes der Täufer und der Apostel Paulus. Das dritte Fensterpaar mit den Aposteln beschliesst die Evangelienthematik. Die Heiligenlegenden der letzten beiden Fensterpaare sind übers Kreuz angeordnet: Die Ordensgründer Franziskus und Klara sowie die Heiligen Anna und Nikolaus.

Öffnungszeiten

Kloster Königsfelden, Windisch
Öffnungszeiten: 1. 4. bis 31. 10.,
Di bis So, allgemeine Feiertage:10.00–17.00 Uhr