Ostern: Heilvolle Dramaturgie

Die Ärztin Lea Stocker setzt sich der österlichen Dramaturgie aus.

Je älter ich werde, je vertrauter mir auch die Tiefen des Lebens sind, desto bedeutender werden mir die Kar- und Ostertage.

An Karfreitag ist den Brüchen in meiner Biographie, den Schatten und dem Schweren in meinem Leben ein ganzer Tag gewidmet. Ein Tag, an dem mir bewusst wird, dass auch der Gottessohn in der Aussenperspektive seiner damaligen Gesellschaft gescheitert ist, ja ein klägliches Ende fand wie irgendein Krimineller seiner Zeit. Millionen von Menschen gehen an diesem Tag mit ihrem gebrochenen Herzen, ihrem gefolterten Körper, ihrem kranken Sein ans Kreuz. Sei mein Scheitern noch so unwiderruflich und vernichtend, sei die Einsamkeit noch so dunkel: Ich bin damit wirklich nicht alleine. Das sagt dieser Tag.
In einer Welt, in der nur zählt, wer einigermassen erfolgreich, gradlinig und glanzvoll durchs Leben geht, ist der Karfreitag eine bemerkenswerte Sache.

Und es geht weiter: Es folgt Karsamstag, der Tag, der denjenigen einen Platz gibt, die ausharren in der Hoffnung auf ein besseres Leben, eine gerechtere Gesellschaft, eine glücklichere Beziehung, auf weniger Schmerzen; all denen, die nichts haben ausser einer vagen Hoffnung, die sich anmassen, wider alle Fakten den Glauben an etwas Grösseres, Besseres aufrechtzuerhalten, auch über Jahre. Ich nenne sie Karsamstagshelden. Es sind Abertausende, und sie sind das Salz der Erde. Sie warten in der Leere zwischen Scheitern und ungewisser Zukunft, warten, aber bleiben nicht stehen.

Denn sie nähren sich vom Glauben, dass an jenem Ostermorgen vor bald 2000 Jahren etwas Seltsames und Grosses passiert ist, das niemand recht begreifen kann, schon gar kein naturwissenschaftlich analysierender Geist: Christus ist auferstanden. An jenem Sonntagmorgen im Garten von Gethsemane gab es keine Fanfaren, keine Spezialeffekte. Aus der tiefen Trauer des Verlustes von allem, was ihr wichtig war, wurde einer Frau eine Begegnung zuteil, die sie und die Menschheit auf immer verwandeln würde. Sie hatte nichts dazu beitragen können und bestimmt hatte sie das alles nicht so erwartet. Gott kam durch alles Zerbrochene und Tote hindurch zurück in ihr Leben, unerwartet, in neuer Form. Noch besser: Er liess sie verstehen, dass er sie nie verlassen hatte.
An Ostern wird uns der Glaube angeboten, dass Auferstehung in uns geschehen kann. Und sei der Karfreitag noch so dunkel.

Text: Lea Stocker

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Lea Stocker (36) ist Assistenzärztin am Unispital Zürich und Mitglied der Arbeitsgruppe «Für eine Kirche mit den Frauen»