Welche Flüchtlinge wollen wir?

Bischof Felix Gmür und CVP-Politker Gerhard Pfister wollen christliche Flüchtlinge bevorzugt behandeln. Der Sozialethiker Thomas Wallimann dagegen hält fest: Arme und Benachteiligte haben Vorrang.

Die Bilder aus den Flüchtlingslagern an der Grenze Griechenlands zu Mazedonien und die geschlossenen Grenzen auf der Balkan-Route bewegen. Trotzdem suchen nach wie vor viele Menschen Aufnahme in Europa und der Schweiz. Nach welchen Kriterien sollen wir diese Menschen aufnehmen?

In unserer Kirche finden wir in der Soziallehre eine klare Traditionslinie. Gerade als katholischen Sozialethiker erfüllt es mich immer wieder mit Stolz, wenn ich sehe, wie die über hundertjährige Soziallehre dank ihrer Prinzipien und der nüchternen Sprache das Wesentliche christlicher Werthaltungen so in die Gesellschaft einbringt, dass sie bis in die staatlichen Gesetze und internationalen Abkommen hinein ihr Echo finden.

Deshalb war es für mich von speziellem Interesse zu lesen, wie Bischof Felix Gmür und der designierte CVP-Präsident Gerhard Pfister die Religionszugehörigkeit (Christen) als erstes Kriterium für die Aufnahme von Flüchtlingen in unserem Land in die Diskussion einbrachten. Wie verhält sich dies zu den Aussagen der Soziallehre?

Die katholische Soziallehre bringt es kurz und bündig auf den Punkt: Im Zentrum muss der Mensch stehen, nicht die Wirtschaft, nicht der Staat, nicht die Kirche und auch nicht die Flüchtlingspolitik. Das zweite Kriterium – bekannt als Solidaritätsprinzip – führt weiter aus, was gemeint ist, wenn wir den Menschen ins Zentrum stellen. Alles, was wir tun, soll jenen dienen, die arm, benachteiligt, hilflos und leidend sind.

Die Kriterien der Soziallehre sagen mir darum in aller Klarheit, dass wir immer zuerst den Menschen mit der grössten Not im Blick haben sollen. Dies ist entscheidend für eine Aufnahme und nicht die Religion oder der Glaube eines Menschen auf der Flucht.

Wie aber sollen wir das machen? Dass wir in der Katholischen Kirche zurzeit das «Jahr der Barmherzigkeit» begehen, führt mich zu zwei Gedanken: Wir können als Kirche eine bedeutsame Rolle spielen, indem wir Menschen aus Politik, Ämtern und engagierten Gruppen ins Gespräch bringen und gemeinsam nach Wegen suchen, diesen Menschen in Not zu helfen. Und auf der persönlichen Ebene dürfen wir als Christen und Christinnen Menschen aufnehmen, die bei uns ihr Glück oder einfach Schutz suchen, und ihnen auf Augenhöhe begegnen.

Die Barmherzigkeit Gottes, die sich vor allem den Leidenden und Armen zuwendet, ist zentral für unseren Glauben. Sie ist Ansporn, die Rolle als Kirche wahrzunehmen und persönliche Beziehungen zu Menschen in Not aufzubauen. Knüpfen wir hier an, leben wir Barmherzigkeit und stellen die Menschen in Not voran!

Text: Thomas Wallimann-Sasaki

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Der Theologe und Sozialethiker Thomas Wallimann-Sasaki ist seit 1999 Leiter des Sozialinstituts der Katholischen ArbeitnehmerInnen-Bewegung KAB.