Brüssel und der Preis der Freiheit

Nach den Terroranschlägen in Paris und Brüssel fühlen sich viele Menschen in Europa verunsichert. Und die Diskussion über die Werte, die uns zusammenhalten, wird immer dringender.

Werte haben ihren Preis. Wenn wir also unter dem Eindruck des islamistischen Terrors die Werte unserer Gesellschaft betonen, dann müssen wir uns erstens darüber einig werden, welche Werte das sind, wir müssen uns aber auch fragen, was uns diese Werte wert sind.

Welcher Wert uns am teuersten ist, lässt sich schnell erkennen, weil Terroristen zielstrebig genau diesen angreifen. Sie attackieren uns dort, wo es uns alle schmerzt. Und wir fühlen uns auch unmittelbar dort getroffen, wo sich unser gemeinsames Schmerzzentrum befindet: Die terroristischen Anschläge gelten unserer Freiheit.

Unsere physische und soziale Bewegungsfreiheit, unsere Meinungsfreiheit, unsere Glaubensfreiheit sind im Schussfeld. Dieser Terrorismus ist ein Frontalangriff auf unsere offene Gesellschaft, auf ihre Durchlässigkeit, auf ihre multikulturelle Buntheit, ihre demokratische Beweglichkeit, ihren religiösen Pluralismus.

Wie unsere Freiheit aussieht, zeigt ein Bahnhof wie Zürich augenfällig: Dieses unübersichtlich pulsierende Gewusel ist Sinnbild für die offene Gesellschaft. Und je offener diese ist, desto unordentlicher und unkontrollierbarer erscheint sie.

Weil wir jedem Mitglied dieser Gesellschaft gestatten, aus der Reihe zu tanzen, ist kein Muster mehr sichtbar. Wir erkennen die feindliche Bedrohung vor lauter harmlosen Abweichlern nicht mehr.

Wir könnten mehr Sicherheit gewinnen, wenn wir unsere Freiheiten einschränkten. Im Extremfall müssten wir dann einen Ort schaffen, an dem jede Abweichung vom Muster sofort erkennbar wird: Regulierung und Einschränkung der Mobilität, normierter Lebensraum, vollständige Überwachung, strikte Codes, rigide soziale Kontrolle, Einheitskleidung.

So würden wir uns zur eigenen Sicherheit ein Gefängnis bauen. Das ist die drastische Schlussfolgerung, wenn wir absolute Sicherheit bieten wollen. Wir sperren dafür uns selbst ein, stempeln uns vorsorglich zu Terrorverdächtigen und schaffen schliesslich zur Bewahrung der Freiheit die Freiheit ab.

Der Preis für die Freiheit in einer offenen Gesellschaft wird damit sichtbar: Verwundbarkeit. Je offener eine Gesellschaft desto verletzlicher.

Und damit kommen wir dem Preis des Christentums überraschend nahe: Jesus Christus hat Gewaltfreiheit gepredigt und dafür konsequenterweise mit seinem Leben bezahlt.

Den höchsten Preis für die Gewaltfreiheit, für die christliche Nachfolge, zahlt der Christ selbst. Er investiert allerdings in einen weiteren Wert, der ihm wieder mehr Sicherheit gibt: Solidarität – nicht nur mit seinesgleichen.

Text: Thomas Binotto