Flüchtlinge spalten Europa

Der Westen versucht sie aufzunehmen, der Osten wehrt sich. Hinter dem Umgang mit Flüchtlingen stehen unterschiedliche Wahrnehmungen. Ein Gespräch mit Nada Boškovska, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich.

Bisher haben die Medien den Eindruck vermittelt: Deutschland nimmt Flüchtlinge mit offenen Armen auf, die Schweiz wappnet sich für einen zusätzlichen Ansturm – osteuropäische Länder hingegen weigern sich. Woher rühren deren Vorbehalte? Oder scheint das nur so? Wie können Ost- und Westeuropa mehr zusammenfinden? Fragen an Nada Boškovska, Osteuropa-Historikerin an der Universität Zürich.

Stimmt der Eindruck: Deutschland nimmt Flüchtlinge auf, Osteuropa blockt ab?
Nada Boškovska:
So eindeutig ist der Unterschied zwischen Ost und West gar nicht. Auch viele westeuropäische Staaten schachern um Zahlen und wollen möglichst wenige Flüchtlinge aufnehmen. Sie sehen die Notwendigkeit ein, schieben sich aber gegenseitig den schwarzen Peter zu.
Auch Staaten, die sehr grosszügig waren wie Schweden, setzen jetzt Obergrenzen. Daher sehe ich das nicht so schwarz-weiss zwischen Ost und West. Vielleicht zeigen sich die osteuropäischen Staaten etwas nachgiebiger und nehmen ein paar Flüchtlinge mehr auf. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wirklich umschwenken.

Ist die Angst vor Fremden in Osteuropa grösser als im Westen?
Vielleicht, weil man nicht so viel Erfahrung mit aussereuropäischer Zuwanderung hat. Osteuropäische Staaten kannten keine Asylsuchenden, Arbeitsmigration nur in beschränktem Mass. Aber sie kennen sehr wohl ethnische und religiöse Vielfalt, waren immer weit multikultureller als der Westen und wissen auch um die problematischen Seiten.

Wo gab es zum Beispiel schlechte Erfahrungen?
Seit dem Beginn der Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert führte die ethnische Durchmischung vielerorts in Osteuropa zu Spannungen und Freiheitskämpfen. Die multiethnische Zusammensetzung war in der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert einer der Faktoren, der die Staaten in Osteuropa destabilisiert hat. Die sudetendeutsche Minderheit in der Tschechoslowakei gab Hitler einen Vorwand, diesen Staat zu zerschlagen.
Durch die Vertreibung der grossen deutschen Bevölkerungsgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die ostmitteleuropäischen Staaten erst einigermassen homogen. Diese gleichmässige Zusammensetzung ist jetzt für sie ein bedeutender Wert, den sie nicht gleich wieder verlieren wollen.

Sind die Auffassungen zur Flüchtlingsproblematik einheitlich oder wird darüber auch gegensätzlich diskutiert?
Es gibt eine Debatte, aber die köchelt auf kleinem Feuer. Christliche Gruppen und auch Intellektuelle setzen sich für grössere Offenheit ein, haben aber kein starkes Gewicht. Die Staaten in Osteuropa sind ungleich ärmer als Deutschland oder die Schweiz, sodass die Menschen dort das Gefühl haben, sie hätten nichts zu teilen. Das sollen die Reichen tun.
Sie fühlen sich auch nicht verantwortlich für die Kriegssituation, sondern denken, das sollen die ausbaden, die den Schlamassel angerichtet haben: die Westeuropäer, die Rüstungsgüter dorthin liefern, oder die USA, die in den Krisen und Kriegen mitmischen, aber von den Flüchtlingsbewegungen weit weg sind.

Müssen die Staaten zu viel Souveränität an Brüssel abgeben?
Dieser Eindruck besteht. Denn die meisten osteuropäischen Staaten waren über Jahrhunderte nicht souverän, sondern bis ins 20. Jahrhundert hinein Teile von Grossreichen, standen unter Fremdherrschaft, wie das nun empfunden wird. In der kurzen Phase der Zwischenkriegszeit wurden viele Staaten erstmals unabhängig, konnten ihre nationalen Bestrebungen verwirklichen. Dann brachte jedoch der Zweite Weltkrieg enormes Leid über Osteuropa. Anschliessend geriet es unter die sowjetische Vorherrschaft.
Mit dem Ende des Sozialismus erhielten die osteuropäischen Staaten die volle Souveränität, von der sie aber beim Eintritt in die Europäische Union wieder etwas abgeben mussten. Sie fühlten sich teilweise auch stiefmütterlich behandelt, als zweitrangige Partnerstaaten von der EU bevormundet und wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie im eigenen Land die Herrschaft ausüben.

Die EU definiert sich gern als Wertegemeinschaft. Sind die Werte in Ost und West unterschiedlich?
Ein Teil der Werte ist sicher gleich: Menschliche Grundrechte, die Notwendigkeit, Menschen in Not zu helfen, werden in Osteuropa genauso gesehen. Aber die nationale Souveränität ist mindestens gleich wichtig: Viele dieser Völker haben lange dafür gekämpft. Das ist ein Wert, der in westlichen Staaten nicht verstanden wird, weil deren Unabhängigkeit schon lange nicht mehr in Frage steht.
In Osteuropa ist die politische Korrektheit noch nicht so verinnerlicht. Man sagt in diesen Fragen geradeheraus, was man denkt – Politiker wie einfache Leute. In Westeuropa denkt man vielleicht ähnlich, hütet sich aber davor, es laut zu sagen.

Was trägt noch zur Skepsis gegenüber Flüchtlingen bei?
Flüchtlinge sind auch eine Konkurrenz. Sie brauchen materielle Unterstützung, drängen früher oder später auf den Arbeitsmarkt. Der ist aber so schwach, dass bisher Osteuropäer in den freien Arbeitsmarkt innerhalb der EU auswandern. Und da wird die Luft dünner, wenn viele Flüchtlinge nach Europa kommen. Dann die Angst vor dem Islam, vor dem Terror, die in ganz Europa spürbar ist.
In Osteuropa kommt hinzu, dass alle, die unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches oder in dessen Nachbarschaft gelebt haben, eine historische Erfahrung mit dem Islam haben, die negativ besetzt ist.

Welche Rolle spielen die Medien im mangelnden Zusammenspiel zwischen Ost und West?
Mir scheint, die westlichen Medien haben mit dem Finger zu lange auf Osteuropa gezeigt und andere Fragen vernachlässigt. Beispielsweise haben wir über die Zustände in den Flüchtlingscamps in Nordfrankreich kaum etwas gehört. Da sind die Medien schon auf einem Auge etwas blind. Osteuropa lässt sich als Feindbild schnell wiederbeleben. In den Köpfen stecken noch viele Vorurteile aus der sozialistischen Zeit, zum Teil noch älter. Die Medien müssten sich vielleicht nicht konzilianter, aber ausgewogener äussern und bei der Einordnung aktueller politischer Reaktionen auch einmal einen Blick in die Geschichte werfen.

Was könnten die westlichen Gesellschaften von Osteuropa lernen?
Lernen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Was Westeuropa jetzt aufbringen muss, ist Geduld. Die osteuropäischen Gesellschaften als ganze, aber auch die einzelnen Menschen haben im 20. Jahrhundert Unglaubliches mitgemacht: die Kriege, die Erfahrung des Staatssozialismus, der Prozess des Wandels nach dem Fall der Mauer – dessen sind wir uns im Westen zu wenig bewusst.
Um 1990 brach in Osteuropa die alt- vertraute Welt völlig zusammen: Ideologie, Wirtschafts-, Gesundheits-, Bildungssystem, mit der Folge dort unbekannter Massenarbeitslosigkeit. Sie mussten sich völlig neu ausrichten, gewissermassen neu erfinden. Das geht nicht so schnell. Man kann nicht die Gesellschaft ganz neu aufbauen und sofort eine Musterdemokratie werden.
Wir tun so, als seien etwa die Rechte für Homosexuelle eine schon alte und selbstverständliche Errungenschaft, und blicken auf alle herab, die sie nicht haben. Aber noch in den 1970er-Jahren sah es damit hier ganz anders aus. Für mich als Historikerin ist klar: Entwicklungen brauchen Zeit.
Man kann nicht erwarten, dass Osteuropa von heute auf morgen Werte und Haltungen übernimmt, für die Westeuropa lange gebraucht hat, die es jetzt aber für alle zur Norm erhebt.

Was würde die Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten verbessern?
Weniger Kritik üben, weniger verbale Prügel verteilen und Sanktionen androhen, stattdessen Angebote machen. Es braucht ein gewisses Verständnis, auch einmal eine Anerkennung ihrer Positionen. Die Staaten und Gesellschaften in Osteuropa haben sich lange in der Opferrolle gesehen und kommen davon nicht los. Der mentale Sprung vom Opfer zum Akteur, der international mitreden kann und Verantwortung übernimmt, der jetzt anderen, die Opfer sind, helfen kann, ist noch nicht gelungen. So schnell lassen sich die Seiten offenbar nicht wechseln.

Text: Clemens Behr, Chefredaktor «Neue Stadt»

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Nada Boškovska, geboren 1959 in Mazedonien, kam mit neun Jahren in die Schweiz. Sie ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Schwerpunkte ihrer Forschung sind Russland, Balkan, Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Erinnerung und Erinnerungspolitik in Osteuropa.

Foto: zvg