Glauben mit dem Grosi

Kinder stellen grosse Fragen. Grosseltern auch. Zum Beispiel: Wie kann ich mit meinen Grosskindern über Gott sprechen? Während Eltern oft Zeit und Interesse fehlen, sind Grosseltern vermehrt gefragt.

Was haben Grosseltern, was Eltern nicht haben? «Das Privileg der Zeit», sagt Verena Müller und strahlt. Die 71-Jährige sitzt am Esstisch ihres Wohnhauses in Root. Es gibt Kaffee in feinem Porzellan, dazu Schenkeli. Verena Müller setzt ihre Sätze mit Bedacht, spricht eindringlich, langsam. Sie lässt sich Zeit, jene Zeit, die in der «hektischen Generation» ihrer Enkel oft fehlt. Die vierfache Grossmutter hütet wöchentlich Adrian (3), Isabelle (7), Matthias (10) und Stefanie (12). Die Kinder ihres Sohnes wohnen fünfzig Kilometer entfernt im Kanton Aargau.

Verena Müller ist religiös. Der Glaube ist ihr ein Schatz, der zu ihrem Leben gehört. Die Schatztruhe kann sich unvermittelt öffnen, zum Beispiel auf einem Spaziergang in der Natur mit den Grosskindern: «Es ist einfach so schön!», entfährt es ihr da bisweilen. Dann spürt sie diese grosse Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer, formuliert ein spontanes Gebet oder zitiert die «Lilien des Feldes» aus dem Evangelium. Die Grosskinder staunen, ja beten mit.

Verena Müller pflegt mit ihren Grosskindern das Brauchtum.

Verena Müller pflegt mit ihren Grosskindern das Brauchtum. Foto: Christoph Wider/forum

Eierfärben für das Osterfest.

Eierfärben für das Osterfest. Foto: Christoph Wider/forum

Beim Grosi gehört Vorlesen aus der Kinderbibel zum Gute-Nacht-Ritual.

Beim Grosi gehört Vorlesen aus der Kinderbibel zum Gute-Nacht-Ritual. Foto: Christoph Wider/forum

Grossmutter und Grosskinder haben aber auch einfach Spass miteinander.

Grossmutter und Grosskinder haben aber auch einfach Spass miteinander. Foto: Christoph Wider/forum

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«Wir haben unsere Kinder schon auch religiös erzogen», erzählt Müller. Ihr Sohn und seine Frau geben ihr Bestes, auch ihre Kinder auf dem Glaubensweg zu begleiten, doch die Umstände machen es ihnen nicht leicht: Einerseits mangelt es dem Paar, das zusammen einen Bauernhof führt, oft an Zeit, andrerseits ist die Beheimatung in einer übergrossen Aargauer Diasporapfarrei schwierig. So wanderte das Religions-Ressort zumindest auch zu Verena Müller.

Kein Einzelfall: Fachleute konstatieren, dass Grosseltern für Kinder immer öfter die stärkeren religiösen Bezugspersonen sind: «Grosseltern haben nicht nur mehr Zeit, sie sind meist auch noch religiös sozialisiert», sagt Alois Schaller, Theologe, Kinderbibel-Experte und zweifacher Grossvater.

Vereinzelt reagiert die Kirche auf den neuen Trend. Müller selbst hat in der Innerschweiz mehrere Jahre lang Glaubenskurse für Grosseltern angeboten. Die Resonanz war unterschiedlich. Im schwyzerischen Illgau, wo Glaube und Alltag noch stark verwoben sind, kreierten 18 Frauen und vier Männer – Grossväter machten sich ansonsten rar – unverkrampft neue Kinder-Rituale.

Anderswo wie in Weggis oder Rothenburg fanden auch Kurse statt. Manchmal sei eine gewisse Hemmung spürbar gewesen. «Es ging in meinen Kursen auch immer darum, das eigene Gottesbild anzusehen. Das ist man sich nicht gewohnt, wenn man jahrelang Religion nur konsumiert hat.»

Müller hat ihren Glauben im Theologie-Kurs für Laien (TKL) reflektiert und wirkte danach acht Jahre lang als Seelsorgerin in einem Altersheim. «Die Konfrontation mit dem Tod hat meine Religiosität stark geprägt», sagt sie.

Die Nachdenklichkeit weicht einem strahlenden Sprudeln, wenn Verena Müller vom Glaubensweg mit ihren Enkeln erzählt. Besonders zelebriert wird im Hause Müller das Gute-Nacht- Ritual: Dazu gehört eine biblische Geschichte, die nacherzählt oder aus der gefühlvoll bebilderten Kinderbibel von Kees de Kort vorgelesen wird, von dort wird eine Brücke zum Alltag geschlagen; man dankt, klagt auch mal und betet.

Alles ist sehr spontan – und doch bereitet sich Verena Müller gewissenhaft auf das Ritual vor: «Je nach Aktualität erzähle ich dann einmal etwas über ein Fest im Jahreskreis oder auch über den Namen eines Kindes, das gerade Namenstag hat.»

In ihren Kursen vermittelte Müller weitere Glaubenspraktiken, die Grosseltern mit ihren Enkeln pflegen können: Besonders einfach zu praktizieren sei der Segen, zum Beispiel beim Verlassen des Hauses. Segen übersetzt sie für ihre Grosskinder mit einem Schutzmantel – das ist verständlich und kommt an.

Wichtig ist Müller zugleich die Botschaft, dass die Enkel auch selber segnen können. Ihr ältestes Grosskind Stefanie hat bereits im zarten Alter von vier Jahren damit begonnen, Segen weiterzugeben, natürlich zuerst an die Grossmutter. «Neben dem Kreuzzeichen hat sie mir dabei kurz die Wange gestreichelt, genau so, wie sie es von mir kennt. Das macht sie bis heute», freut sich die Rontalerin.

Der Weg des Glaubens zwischen Grosseltern und Enkeln ist keine Einbahnstrasse. Je grösser die Fragen, desto öfter gehen auch den weisen Alten die Antworten aus. Zum Beispiel zum «Warum» des Todes oder dem «Wo» eines Verstorbenen. Während solche heissen Eisen gerne umschifft werden, empfiehlt Müller einen anderen Weg: «Lasst die Kinder zeichnen!» Hier könne ein prophetisches Potential von Kindern abgerufen werden.

Wie zum Beweis führt Müller eine Zeichnung vor, die sie aus ihrer Altersheim-Zeit aufbewahrt hat. Damals zeichnete eine Enkelin ihre Grossmutter, nachdem diese gestorben war. Sie zeigt eine aufrecht stehende, lachende Frau, über ihr drei Schmetterlinge. Die Enkelin hatte ihre Grossmutter zeitlebens gelähmt und im Rollstuhl erlebt. In der Zeichnung aber ist sie – im wahrsten Sinne des Wortes – auf- erstanden. «Fantastisch», schwärmt Verena Müller.

So kann es Grosseltern ergehen, die ihren Glauben weitergeben. Sie erleben als Antwort mitunter, wie ihnen in ihren Enkeln der Himmel aufgeht.

Text: Remo Wiegand, freier Journalist

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«Keine eindeutigen Antworten»

Die Fachstelle für Religionspädagogik lanciert das Projekt «Intergenerationelle Katechese», das Begegnungen über Generationengrenzen hinweg fördern will. Im Gespräch mit Projektleiterin Melanie Wakefield.

Sind Grosseltern die neuen Eltern, was die Glaubensvermittlung angeht?

Melanie Wakefield: Es gibt in der Schweiz kaum empirische Untersuchungen zur religiösen Sozialisierung. Daher scheint es mir nicht möglich, eine Aussage dar- über zu machen, ob Grosseltern hierbei an Bedeutung gewinnen.

Was müssen Grosseltern beachten, wenn sie ihren Enkeln den Glauben näherbringen wollen?

Die Beziehung zwischen Grosseltern und Enkeln ist geprägt von emotionaler Nähe. Zusammen mit der verfügbaren Zeit ist dies eine Chance für die Erkundung religiöser Fragen. Hilfreich ist es, wenn Grosseltern sich frei fühlen, auf die religiösen Gedankengänge der Enkelkinder einzugehen. Das Sprechen und Erleben von Religion verlangt keine eindeutigen Antworten, sondern die Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

Wären Ausbildungen für Grosseltern bezüglich Glaubensvermittlung sinnvoll?

Weder Eltern noch Grosseltern brauchen eine Ausbildung dafür, Kinder und Jugendliche beim Erwachsenwerden zu begleiten. Ähnlich wie bei Elternange- boten wäre es aber wünschenswert, wenn Grosseltern Angebote zur Verfügung stehen würden, die sie bei ihren Erziehungsaufgaben – auch im Bereich Religion – unterstützen. Das Projekt ermutigt Pfarreien entsprechende Angebote auszuarbeiten.

Was können Kinder und Jugendliche Grosseltern über den Glauben lehren?

Grosseltern können durch die Augen ihrer Enkelkinder das Staunen und Fragen neu entdecken. Enkelkinder sind für Grosseltern auch ein Segen, etwas, wofür sie dankbar sind, das ihrem Leben Sinn verleiht. Das ist das Geschenk der Beziehung zwischen ihnen.

Gespräch: Remo Wiegand