Kirche fassbar machen

Der katholische Pfarrer von Rüschlikon wartet auf dem Bahnhofplatz in Rüschlikon regelmässig in einem Fass auf Gesprächspartner.

«Kommen Sie herein», sagt Josip Knežević lächelnd und hält die Tür auf zum liegenden Fass auf dem Autoanhänger. Ich steige zwei Holztritte hinauf, trete ein und setze mich auf die linke Holzbank, Knežević auf die rechte. Wir befinden uns in der «fassbaren Kirche».

Der Rüschliker Pfarrer hat die umfunktionierte Sauna zum Jahr der Barmherzigkeit initiiert und eben auf den Bahnhofplatz Rüschlikon gefahren. «Was haben Sie auf dem Herzen?», fragt er. «Wie merke ich, ob ich gläubig bin?», frage ich. Im Prinzip sei jeder Mensch gläubig, antwortet der Pfarrer, denn der Mensch sei neugierig. Und wer Fragen stelle, der komme womöglich an einen Punkt, wo ihn die Antworten nicht befriedigten. «Der Glaube ist eine Entscheidung, die nach allen Fragen kommt und danach das Leben bestimmt», sagt Knežević.

Der Pfarrer ist jeden zweiten Mittwoch im Fass anzutreffen. Und das, seit Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit im letzten Dezember eröffnet hat. 47 Personen haben ihn seither besucht – aus Neugier oder wegen tiefer seelischer Probleme.

Eine junge Frau war mit einem behinderten Kind schwanger und vor die Abtreibungsfrage gestellt. Ein älterer Mann kam mit seiner Familie nicht klar. Führe er solche Gespräche, fühle er sich als Seelsorger im eigentlichen Sinn, sagt Knežević. Manchmal ist er einfach Gastgeber, etwa für Bauarbeiter, die in der Pause bei ihm Tee trinken, oder für eine Oma mit Kindern, die bei ihm spielen.

Es klopft. «Es ist besetzt», ruft Knežević. Ein junger Mann dreht sich um und geht. Er komme immer wieder, sagt der Pfarrer. Später versucht es eine Frau. Es gebe einsame Menschen, die niemanden zum Reden hätten; für sie sei er da, ohne zu verurteilen, ohne zu missionieren, sagt der Pfarrer. Das sei Barmherzigkeit in einer Zeit, in der das Funktionale und Zweckmässige überwiege.

Knežević geniesst es, Zeit zu haben für längere Gespräche. Das sei in der Pfarrei wegen der vielen Termine oft nicht möglich. Am liebsten würde er ganz auf seine «fassbare Kirche» umsteigen, bemerkt er halb ernst, halb ironisch. Die Idee vom Fass hat er vom griechischen Philosophen Diogenes, und das Ja zur Umsetzung aus dem Bistum Chur.

Text: Regula Pfeifer, freie Journalistin

Angebot laufend

Pfarrer Knežević sucht Seelsorger, die seine «fassbare Kirche» weiterführen, wenn er ab Anfang August für ein paar Monate in Sarajevo Islamwissenschaft studiert.