Spotlight: Der «Gute Hirte»

Die Kleinasiatische Marmorfigurine eines «guten Hirten» ist 2000 Jahre älter als Psalm 23.

Gudea von Lagasch, ein sumerischer (vergöttlichter) König bezeichnete sich schon vor 4 800 Jahren als Hirte, der die Menschen zum «üppigen» Weideplatz führt. Man sieht: Die Bibel hat diese Idee nicht erfunden. Seit der Zeit des Gudea gaben sich unzählige Herrscher im ganzen Orient den Titel des Hirten.

Königtum und Hirtentum waren ineinander verschlungen. Das Hirtenamt war geradezu ein Bild für das leitende, lenkende Handeln des Staatsoberhaupts. In Ägypten wiederum identifizierte man manch einen Gott als guten Hirten, der sich mit dem Weiden der anvertrauten Menschen zu beschäftigten hatte. Auch diese Überlieferungen sind über 3000 Jahre alt.

Ein Blick in die orientalischen und ägyptischen Vorstellungen kann unser Verständnis der biblischen Hirtenbilder beflügeln: Königtum und Hirtentum gehören auch im Ersten Testament eng zusammen. So beispielsweise, wenn der Gott Israels als Hirte bezeichnet wird (Psalm 23, Psalm 80).

Wenn Jesus im Johannesevangelium von sich selbst sagt, er sei der gute Hirte, dann stellt er sich genau in diese uralte Tradition. Er ist der göttliche König, der in Vollmacht das Volk Gottes, seine Herde, zur grünen Weide führen wird; lenkend und leitend – so, wie es schon fünfzig Generationen altorientalisch-ägyptischer, göttlicher Herrscher vor ihm als Regierungsprogramm proklamierten. «Ich bin der gute Hirte» – das ist viel mehr als nur ein romantisches Bild!

Text: Florian Lippke