Stolperstein: «Dogma»

Zwischen dem, was wir unter «Dogma» verstehen, und dem, was «Dogma» meint, klafft eine grosse Lücke.

Wenn wir im Alltag das Wort «dogmatisch» verwenden, dann meist als Synonym für «stur». Wer sich besonders offen und flexibel geben will, der be- tont deshalb seine «undogmatische» Haltung. Diesen negativen Hauptgeschmack hat das Wort «Dogma» nicht zuletzt der katholischen Kirche zu verdanken. Und zwar sowohl den «Romtreuen» wie den «Romkritischen» in ihrer erbitterten Dogmen-Keilerei.

Dabei ist das Wort seiner Herkunft nach viel offener, als wir vermuten: Es leitet sich vom griechischen Wort für «meinen» ab. Eine starke Meinung gewiss, eine gelehrte Meinung.
Aber die Sturheit, die steckt nicht im Wort, sondern in uns. Und tatsächlich, die Dogmengeschichte der katholischen Kirche ist alles andere als unbeweglich. Sie ist eine unablässige Diskussion, die seit Beginn des Christentums andauert.

Ausgerechnet jene Zeiten, in denen um Dogmen besonders intensiv gerungen wurde, sind Zeiten kirchlicher Vitalität. Und erst wenn Dogmen erstarren, brechen sie. So wie das Schilfrohr und der erdbebensichere Wolkenkratzer biegsam sind, so ist das lebendige Dogma ein Prozess und kein Besitz. Und nur so kann es selbst stürmischen Debatten standhalten.
Wer behauptet, Dogmen seien ständig in Bewegung, der relativiert damit nicht die göttliche Offenbarung. Er erkennt lediglich an, was auch im Katechismus steht: «Das Lehramt steht nicht über dem Wort Gottes.»
Dogmen sind Lehrmeinungen und damit letztlich Teil der Auslegung dieses göttlichen Wortes. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich Dogmen im Laufe der Kirchengeschichte verändert haben.

Ebenso wenig sind Dogmen in ihrem ursprünglichen Verständnis Machtinstrumente der Hierarchie. Der Katechismus zitiert wohl nicht zufällig in seinem Kapitel zum Dogmenverständnis den Konzilstext «Lumen Gentium»: «Die Gesamtheit der Gläubigen … kann im Glauben nicht fehlgehen, und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie mittels des übernatürlichen Glaubenssinns des ganzen Volkes kund, wenn sie von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äussert.»

In Dogmen drückt sich also das ewige und allgemeine Ringen der Kirche mit dem Wort Gottes aus. Der unablässige Versuch, sich dieser Offenbarung immer wieder ganz neu auszusetzen, um sie hoffentlich immer besser zu verstehen.

Text: Thomas Binotto