Wem gehört ein Star?

Die Popularität eines Stars ist Teil seines Kapitals. Rampenlicht und Vermarktung sind deshalb eng verknüpft. Wo bleibt da die Intimsphäre?

Täglich um 18.40 Uhr lockt «Glanz & Gloria» ein grosses Publikum vor die Fernsehgeräte: Der neue Freund von Skirennfahrerin Lara Gut, das neue Tattoo von Schlagersängerin Beatrice Egli oder skandalöse Nacktbilder der «Schlangenfrau» Nina Burri.

Medien und Öffentlichkeit dokumentieren jeden Schritt und Fehltritt der Stars und Sternchen. Das kann manchem Promi zuweilen auch zu viel werden: «Auch ich habe ein Recht auf Privatsphäre!», ist von manchen zu hören – vor allem dann, wenn sie mal nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Kein Wunder, wollen Medien und Presse genau dann nicht auf den neusten Klatsch und die neusten Bilder verzichten. Das kann sogar pietätlose Formen annehmen, wie das Beispiel Michael Schumacher zeigt. Immer wieder versuchten Journalisten sich Zugang zum Spital zu verschaffen, um ein Bild vom Krankenbett zu schiessen. Schnell werden in solchen Fällen die Boulevard-Journalisten gescholten: Haben die keinen Respekt vor Privatsphäre? – Aber macht es sich die Gesellschaft mit diesen einseitigen Vorwürfen nicht zu einfach?

Eines steht fest: Ohne entsprechende Nachfrage gäbe es auch kein Angebot. Boulevard-Meldungen werden online rege geklickt, die Beiträge im Fernsehen von Hunderttausenden verfolgt. Doch eines ist neu: Wer seine voyeuristischen Bedürfnisse befriedigen möchte, ist schon lange nicht mehr auf Journalisten angewiesen. Die meisten Stars und Sternchen sind selbst darum besorgt, ihr Publikum rund um die Uhr an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Dank Facebook, Instagram und Co. halten sie Fans und Feinde auf dem Laufenden.

Nichts ist zu intim, um online gepostet zu werden. Das weckt eine Erwartungshaltung: Ich will immer mehr, ich will teilhaben an jeder Sekunde seines Lebens. Damit tragen die Stars selbst dazu bei, dass der Schutz der Privatsphäre immer mehr ausgehöhlt wird.

Gleichzeitig werden sie dabei von der ganzen Gesellschaft tatkräftig unterstützt. Der tägliche Blick auf Facebook macht es sichtbar: Da stellt jeder x-beliebige Nichtprominente Fotos und Texte online selbst über jene privaten Dinge, die er früher nicht einmal dem besten Freund erzählt hätte. Ein Foto von meinem Spaghetti-Teller, ein Schnappschuss vom Inhalt meines Kleiderschranks oder der leidenschaftliche Kuss mit der neuen Freundin. Brauchen wir wirklich solch intime Einblicke in private Welten?

Mehr Bewusstsein für den Umgang mit der eigenen Privatsphäre könnte eine Wende einläuten. Die Gesellschaft wird sich neu der Bedeutung der Privatsphäre bewusst und respektiert diese auch bei anderen, egal ob prominent oder nicht.

Text: Stephan Sigg

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Stephan Sigg (31) ist Autor und Journalist. Er leitet die Redaktion «pfarreiforum», Pfarrblatt für den Kanton St. Gallen.

Foto: zvg