Nah bei den Menschen

Für Eva-Maria Faber, Professorin für Dogmatik an der Theologischen Hochschule in Chur, ist das päpstliche Schreiben «Amoris Laetitia» ermutigend.

Frau Faber, was fühlen Sie nach Studium des Schreibens von Papst Franziskus zum Thema Ehe und Familie?
Eva-Maria Faber: Ich bin sehr glücklich mit dem Schreiben!

Was sind die Gründe dafür?
Es sind vor allem zwei Gründe. Nach meinem Dafürhalten bedeutet das Schreiben für Menschen in Partnerschaft und Familie ebenso wie für Seelsorgende echte Ermutigung und sehr viel Hilfreiches, Würdigendes, Anregendes. Und zudem geschieht, was so viele erhofft und ersehnt haben: Es wird barmherziger und zugleich gerechter auf die Situationen jener geschaut, die nicht das katholische Ideal der sakramentalen Ehe leben.

Das Schreiben des Papstes scheint uns nicht abgehoben, sondern aus dem realen Leben schöpfend.
Dafür ist ja Papst Franziskus inzwischen bekannt. Er lebt selbst, was er nun auch in diesem Schreiben fordert: Es muss ausgehalten werden, mit dem konkreten Leben der anderen ernsthaft in Berührung zu kommen – und wenn man dazu bereit ist, dann lernt man Lebenswege und ganz alltägliche Sorgen und Nöte von Menschen kennen. So nimmt Papst Franziskus an manchen Stellen häufige Nöte von Partnern auf und spricht sie wie Zitate aus. Vor diesem Hintergrund entfaltet er zum Beispiel, was er den liebenswürdigen und den würdigenden Blick nennt.

Vor allem anerkennt der Papst das reale Leben, ohne Abweichler vom aus kirchlicher Sicht idealen Weg gleich zu ermahnen – geschweige denn zu verurteilen. Er warnt sogar vor vorschneller Verurteilung.
Je konkreter der Alltag von Menschen in den Blick kommt, desto verständnisvoller lässt er sich anschauen. Gerade der Alltag in Partnerschaft und Familie mit seinen ständigen Herausforderungen! Das verdient erst einmal Respekt, und dann einen behutsamen Umgang mit Situationen, wo Menschen mit diesen Herausforderungen nicht zurechtgekommen sind. Papst Franziskus mahnt sogar zu Vorsicht mit den sonst üblichen theologischen Vergleichen. In der Bibel wird die Ehe von Mann und Frau nach dem Vorbild der Liebe Christi zu seiner Kirche beschrieben. Papst Franziskus legt aus, was das positiv bedeutet. Er sagt aber auch, man dürfe nicht zwei begrenzten Menschen die gewaltige Last aufladen, dies in vollkommener Weise abzubilden. Wenn man dies alles berücksichtigt, kann man auch nicht mit schnellen Urteilen kommen.

Erstaunt hat uns die Feststellung, dass nicht jede aus Kirchensicht irreguläre Partnerschaft auch schon schwere Sünde sei. Sie auch?
Die Aussage dazu ist sehr stark. Sie erstaunt mich nicht, insofern die Theologie schon lange darauf hinweist, dass man genauer hinschauen muss und nicht alle Menschen in solchen Situationen pauschal verurteilen darf. Papst Franziskus hat aber den Mut, auch von amtlicher Seite zu sagen, dass ein solches Urteil nicht mehr möglich sei. Das gilt insbesondere für die Menschen, die nach Scheidung wiederverheiratet sind; es heisst aber an zwei Stellen ausdrücklich, dass dies für alle Situationen gilt, die den kirchlichen Normen nicht entsprechen, also etwa auch für nur zivil Verheiratete oder Menschen in homosexueller Partnerschaft.

Bei diesen nicht das Ideal der Partnerschaft lebenden Personen verlangt der Papst nun, dass da genau hinzusehen und der Einzelfall zu begutachten sei. Das allerdings ist so neu nun auch wieder nicht. Schon Papst Johannes Paul II. verlangte dies.
Ja, das ist ja auch sehr schön. Papst Johannes Paul II. hat vor dreissig Jahren schon von dieser Unterscheidung gesprochen. Und nun kommt der Jesuit Papst Franziskus und buchstabiert das weiter. Im Jesuitenorden spielt das «Unterscheiden» in der Spiritualität eine grosse Rolle. Das muss jetzt auch geschehen, wenn man die Situationen von Menschen anschaut. Und so kommt etwas Neues gegenüber früheren kirchlichen Texten, denn Papst Franziskus sagt: Wenn man Situationen unterscheidet, dann muss man auch unterschiedliche Konsequenzen ziehen. Man kann nicht alle gleichermassen verurteilen, und es gelten dann auch nicht für alle dieselben Regeln.

Papst Franziskus besteht darauf, dass Menschen in solchen «komplexen Situationen» – wie er es nennt – nicht einfach ein gewisses Verständnis entgegengebracht werde, er verlangt mehr von seinen «Angestellten»…
Das achte Kapitel des nachsynodalen Schreibens trägt den Titel: «Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern.» An einer Stelle heisst es dann sogar: «vor allem eingliedern». Nach Auffassung von Papst Franziskus geht das aber nicht einfach per Erlass. Darum gibt es jetzt nicht eine neue Bestimmung im Kirchenrecht, die dann doch wieder für alle dasselbe dekretiert. Es sollen Wege gegangen werden, Menschen sollen das, was sie bewegt, reflektieren und aussprechen können.

Erstaunt sind wir auch über die Aussage des Papstes zum Gewissen des Gläubigen. Wenn er sagt, die Kirche habe diesem Gewissen bis anhin zu wenig Raum gegeben, dann sind das doch neue Töne!
Das ist genau für diese Wege wichtig. Das Gesagte könnte ja so klingen, als ob Menschen zu «Objekten» einer vielleicht sogar etwas betulichen, herablassenden Seelsorge werden. Demgegenüber unterstreicht das nachsynodale Schreiben überdeutlich, dass die Menschen in Partnerschaft und Familie selbst «Subjekte» sind und dass die Kirche ihr Gewissen hochhalten und achten muss. Papst Franziskus ist hier auch sehr ehrlich und legt den Finger darauf, dass die Kirche sich mit dem Respekt vor dem Gewissen oft schwertut.

Zur Eucharistie schreibt der Papst, sie sei nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein grosszügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen. Dieser Satz könnte als Beginn einer Öffnung der Eucharistie verstanden werden.
Der Text enthält an zwei Stellen den ausdrücklichen Hinweis darauf. In einer Begleitung, die Menschen würdigt, ist das Ziel das Eingliedern, und zudem sollen alle Hilfen eröffnet werden, damit Betroffene umso mehr liebende Menschen sein können. Dazu wird ausdrücklich gesagt, dass dies auch die Zulassung zu den Sakramenten einschliessen kann. Die bisherigen offiziellen Weisungen, die eben dies ausdrücklich verneinten, werden also aufgebrochen.

Auch wie sich der Papst zur Sexualität äussert, scheint uns erwähnenswert.Die «Josefsehe», eine Partnerschaft ohne Geschlechtsverkehr also, scheint bei ihm nicht allzu hoch im Kurs zu stehen.
Bisher gab es für Menschen, die in einer nicht den kirchlichen Normen entsprechenden Situation leben, nur zwei Lösungen: die Josefsehe oder die Partnerschaft beenden. Bei der Josefsehe beruft sich der Papst auf Menschen, die zu verstehen geben, dass ihnen so wichtige Ausdrucksformen der Intimität fehlen. Man merkt bei Papst Franziskus, dass er zur partnerschaftlichen Bedeutung der Sexualität ein unbefangenes Verhältnis hat. Sonst hätte er wohl in den Titel des Schreibens nicht den Begriff «amor» aufgenommen. Und er sagt sogar, dass die Sexualität Ort einer religiösen Erfahrung ist, dass sie teilgibt an der Fülle des Lebens in der Auferstehung Jesu.

Und die zweite Lösung?
Papst Franziskus sagt sehr realistisch und verantwortungsbewusst: Eine Partnerschaft beenden, dies geht oft nicht, ohne eine inzwischen eingegangene Verantwortlichkeit dem Partner oder Kindern gegenüber zu verletzen. Man würde damit nur Unheil schaffen. Der Papst geht in seinem Schreiben nun nicht explizit auf die Homosexuellen und deren Situation ein. Darf man aber sagen, sie seien mitgemeint? Papst Franziskus nimmt an einer Stelle dieselben Formulierungen auf, wie sie schon die Synode wählte. Dort wird bekräftigt, «dass jeder Mensch, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, in seiner Würde geachtet und mit Respekt» zu behandeln ist. Ein Vergleich der homosexuellen Partnerschaft mit der Ehe wird hingegen abgelehnt. Trotzdem wird dann auch anerkannt, dass es eine grosse Vielfalt familiärer Situationen gibt, die «einen gewissen Halt» bieten können.

Frau Faber, wenn Sie nun dieses päpstliche Schreiben lesen, ist es am Ende nicht auch eine Absage an die bisweilen etwas enge Weltsicht der gusseisernen Konservativen in der Kirche?
An einer Stelle des Dokumentes äussert Papst Franziskus gleichsam Verständnis für jene, die eine «unerbittlichere Pastoral» vorziehen, um jede Verwirrung zu meiden. Es folgt darauf jedoch das grosse Aber: Man würde dann nicht achtsam sein gegenüber dem Guten, das es auch ausserhalb der Idealformen gibt; es würde verkannt, dass es Situa- tionen gibt, wo alle Schemata zerbrechen. Man würde Menschen Unrecht tun. Man würde – ich zitiere hier die drastische Sprache des nachsynodalen Schreibens – mit Gesetzen wie mit Felsblöcken nach Menschen werfen. Dem möchte Papst Franziskus ganz klar Einhalt gebieten. Deswegen dürfen viele Menschen nun aufatmen.

Text: Richard Clavadetscher/St. Galler Tagblatt

«Bei Papst Franziskus merkt man, dass er zur partnerschaftlichen Bedeutung der Sexualität ein unbefangenes Verhältnis hat.»

Eva-Maria Faber