Neue Wertschätzung des Gewissens

Generalvikar Josef Annen sieht mit «Amoris Laetitia» die Kluft zwischen Lehre und Praxis überwunden.

Papst Franziskus schlägt mit seinem Apostolischen Schreiben «Amoris Laetitia – Die Freude der Liebe» (AL) eine Brücke zwischen Ideal und Wirklichkeit und stösst damit die überfällige Überwindung der Kluft zwischen lehramtlicher Idealvorstellung und gelebter Alltagsrealität an.

Er sieht sowohl die zahllosen Unterschiede der konkreten Familiensituationen wie auch die sehr unterschiedlichen Situationen von Geschiedenen, die in einer neuen Verbindung leben.

Er verabschiedet sich von Patentrezepten und allgemeinen Regelungen und ermutigt «zu einer verantwortungsvollen, persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle» (AL 300).

Er weiss um die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, aber auch um die vielen Frauen, Männer und Kinder, deren Beziehungen zerbrochen sind und die nach neuen Verbindungen Ausschau halten oder diese schon eingegangen sind.

Aufgabe der Kirche ist es, diesen Menschen Gottes Liebe und Barmherzigkeit zuzusprechen, nicht zu verurteilen, sondern zu integrieren und zu helfen. Die Hilfe der Sakramente ist dabei in gewissen Situationen nicht ausgeschlossen (AL 300 und 305). «Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums! Ich beziehe mich nicht nur auf die Geschiedenen in einer neuen Verbindung, sondern auf alle, in welcher Situation sie sich auch immer befinden.» (AL 297)

Auch Menschen mit homosexueller Orientierung sind in die Weisungen zu einem differenzierten Umgang mit Situation einbegriffen. Die pastorale Methode der Unterscheidung, des Gesprächs und der Begleitung und nicht zuletzt die neue Wertschätzung des Gewissens kann in unserer Kirche einen Prozess in Gang bringen, der die leidige Kluft zwischen Lehre und Praxis überwindet. Dafür bin ich Papst Franziskus ausserordentlich dankbar.

Die allermeisten Seelsorger und Seelsorgerinnen in unseren Pfarreien haben in den vergangenen Jahren aus eigener Verantwortung gehandelt und haben den Menschen in schwierigen Lebenssituationen neue Perspektiven für ein Leben aus dem Glauben und mit der Kirche eröffnet.

Auch ihnen möchte ich dafür an dieser Stelle danken. Sie mussten oft im Halbschatten der kirchenrechtlichen Illegalität nach pastoralen Lösungen suchen. Diese Zeit ist vorbei. Das ist für mich Grund zur Freude.

 

 

Text: Josef Annen, Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus

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Josef Annen, Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus


Der vollständige Text von «Amoris Laetitia» wird auf der Homepage des «Heiligen Stuhls» in der offiziellen deutschen Übersetzung angeboten. Sie erscheint demnächst auch als Buch im St. Benno Verlag.

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Kommunion möglich

Papst Franziskus hat nach Aussage des Wiener Kardinals Christoph Schönborn in seinem Schreiben zu Ehe und Familie wiederverheirateten Geschiedenen den Weg zum Kommunion-empfang geebnet. Der Papst sage mit Blick auf die Betroffenen, dass ein «kleiner Schritt inmitten grosser menschlicher Begrenzungen» Gott wohlgefälliger sein könne «als das äusserlich korrekte Leben dessen, der seine Tage verbringt, ohne auf nennenswerte Schwierigkeiten zu stossen», so Schönborn.

Franziskus schreibe dann in einer Fussnote, dass auch die Hilfe der Sakramente «in gewissen Fällen» gegeben werde könne. Der Papst biete dafür zwar keine «Kasuistik» und «keine Rezepte». Er erinnere die Priester jedoch daran, dass die Eucharistie nicht die Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein grosszügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen sei. Ausserdem verweise Franziskus in diesem Zusammenhang darauf, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein dürfe.

Kardinal Schönborn war einer der offiziellen Präsentatoren von «Amoris Laetitia» am 8. April im Vatikan. 

Quelle: kath.ch