Stolperstein: «Weisheit»

Weisheit ist in der Bibel nicht nur ein entrücktes Ideal, sondern auch eine ganz praktische Fertigkeit.

In einigen Schriften des Alten Testaments wird uns eine Person von umwerfender Attraktivität vorgestellt. Und Frau Weisheit ist in der Tat eine Traumfrau:
«In ihr ist ein Geist, verständig, heilig, einzigartig, vielfältig, zart, beweglich, durchdringend, unbefleckt, klar, unverletzlich, das Gute liebend, schnell bereit, nicht zu hemmen, wohltätig, menschenfreundlich, verlässlich, sicher, sorgenfrei, alles vermögend […]

Sie ist der Widerschein des ewigen Lichts, der ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft, das Bild seiner Vollkommenheit. […] Von Generation zu Generation tritt sie in heilige Menschen ein und schafft Freunde Gottes und Prophetinnen, denn Gott liebt nur den, der mit der Weisheit zusammenwohnt. Sie ist schöner als die Sonne und übertrifft jedes Sternbild.» (Weisheit 7,22–8,1)
Nicht recht bei Verstand wäre, wer sie verschmähte. Sie allein soll sich deshalb der junge König Salomo als Lebensgefährtin erwählen und als Braut heimführen. Denn nur mit ihr an der Seite wird das Leben gelingen.

Während die griechische «Sophia» viel exklusives Geheimwissen beinhaltet – ihr Symboltier ist die geheimnisvolle Eule, geht es bei der biblischen «Chokmah» darum, den Willen Gottes zu erkennen, weil dies für die Gestaltung des gewöhnlichen Alltags von Bedeutung ist. Dabei sind angeeignetes Wissen und Lebenserfahrung gleichermassen wichtig. Die biblische Weisheit ist sehr praktisch veranlagt. Neben Fertigkeiten wie dem umsichtigen Führen eines Haushalts vermittelt sie die Ordnung für das gute Zusammenleben.

Übertragen ins Heute kann das beispielsweise heissen: Zu sich selbst ja sagen, damit man auch zum Mitmenschen ja sagen kann; den Mitmenschen so nehmen, wie er ist, und nicht, wie man ihn haben möchte; bittere Erfahrungen zuerst überschlafen, bevor man Antwort gibt; gelassen zu reagieren, statt sich angegriffen zu fühlen und aufzubrausen; und nicht zuletzt: mehr schweigen und zuhören als schwatzen und plappern. Denn die Weisheit kommt vom Hören (1 Könige 3,9.12).

Wer über die Weisheit stolpert, fällt über einen Edelstein von unvergleichlicher Schönheit. Ein Tor ist, wer diesen Stolperstein liegen lässt. Wer den Kristall aber aufhebt und ins Licht hält, hat den ersten Schritt getan – auf die Weisheit zu.

Im funkelnden Farbenspiel beginnt er ihr Wesen zu erahnen und wird eingeladen, mit Salomo Gott zu bitten: «Gib mir die Weisheit, die an deiner Seite thront, […] damit sie bei mir sei und alle Mühe mit mir teile und damit ich erkenne, was dir gefällt. […] sie wird mich in meinem Tun besonnen leiten und mich in ihrem Lichtglanz schützen.» (Weisheit 9,4–11)

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte