Hintersinniges: Und Friede…

Es geht ein Jahr zu Ende, in dem islamistischer Terror gewütet hat. Ein Jahr, in dem im Namen des Glaubens Kriege geführt wurden. In dem Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und zur Flucht getrieben wurden.

Religion als Begründung für Terror, Krieg, Unterdrückung und Verfolgung? Dagegen wehren sich bei uns die christlichen Kirchen von der Basis wie von der Leitung her. Gewalt im Namen des Glaubens ist mit Jesus Christus nicht vereinbar.

Aber diesen Gewaltverzicht haben wir lernen müssen. Jahrhundertelang wurden im Namen des Christentums Kriege geführt. In der Schweiz haben die Christen ihren Frieden zwischen den Konfessionen erst im 19.  Jahrhundert gefunden.

Wenn Religionsgemeinschaften sich vor dem Missbrauch ihres Glaubens durch Gewalttäter glaubwürdig schützen wollen, dann müssen sie sich erstens den Gewaltverzicht ins Stammbuch schreiben. Es gibt kein Töten im Namen des Herrn!

Sie müssen zweitens genauso unmissverständlich und bindend festhalten, dass sie keinen Absolutheitsanspruch hegen. Die katholische Kirche hat dafür ziemlich lange gebraucht. Aber im II. Vatikanischen Konzil hat sie es dann doch klar und deutlich getan.

Drittens muss jedem Menschen die freie Wahl seiner Religion garantiert werden. Zur Religionsfreiheit gehört auch der Austritt aus einer Glaubensgemeinschaft oder der Eintritt in eine andere Glaubensgemeinschaft, ohne dass man dafür Repressalien zu befürchten hat.

Ich wünsche mir für 2017, dass zumindest in unserem Land immer mehr Muslime – an der Basis wie in der Leitung – genauso unmissverständlich wie die christlichen Kirchen dafür Zeugnis ablegen, dass Gewalt in ihrem Glauben keinen Platz hat, dass ihr Glaube keinen Absolutheitsanspruch hegt und dass sie Religionsfreiheit – für andere wie für ihre eigenen Mitglieder – garantieren.

Ob diese drei Punkte auf den ersten Blick mit dem Koran vereinbar sind, darf dabei keine Rolle spielen. Wir Christen haben für die Einsicht in diese drei Punkte die Aufklärung gebraucht, die wir zunächst als feindlich und mit unserem Glauben unvereinbar ablehnten. Heute aber sind wir auch als Gläubige überzeugt: Diese drei Punkte müssen erfüllt werden, weil es ohne sie keinen Frieden geben wird. Und wir sind ebenso überzeugt, dass auch unsere Heilige Schrift immer wieder neu interpretiert und historisch-kritisch gelesen werden muss.

Ich wünsche mir für 2017 aber auch, dass wir Christen uns nicht durch Verunsicherung und Angst dazu verleiten lassen, diese drei Punkte in Frage zu stellen. Nur wenn wir Gläubige – gleich welcher Religion – uns in darin einig sind, können wir Terroristen, Gewaltherrschern und Fanatikern jede religiöse Legitimation entziehen.

Text: Thomas Binotto