Keine Musik ohne Stille

Der Komponist Helge Burggrabe wollte sein Marien-Oratorium «Stella Maris» mit der Vertonung von «Je suis le silence» beginnen. Eine Steilvorlage für jede Muse. Und prompt zeigte sich zwei Stunden lang kein einziger Ton.

«Plötzlich gab es im Untergeschoss ein riesiges Getöse. Ein ganzer Geschirrstapel war ins Rutschen geraten und lag nun zerdeppert am Boden.» Trotz Schrecken hallte in Burggrabe ein Ton nach. Ein «h» war es. «Wo ist dieser Ton hergekommen, habe ich mich gefragt. Schliesslich fand ich die Scherbe eines Honigglases. Sie hatte dieses «h» angestimmt und mir damit den ersten Ton gegeben.»

Immer noch liegt die unscheinbare Glasscherbe im Fensterbrett seines Ateliers in der Nähe von Bremen. Vor fünfzehn Jahren hat er diesen stillen Ort im platten Land gefunden. Ein umgebauter Schweinestall in einem kleinen Dorf ohne Bahnanschluss, wo die Strassenlaternen nachts ausgehen und Zerstreuung allenfalls in der Anordnung der Höfe liegt. Ein Ort, der sich – wenn er denn Marketing betreiben wollte – mit dem Slogan «Ich bin die Stille» anpreisen könnte. Und genau diese Stille sucht Burggrabe beim Komponieren.

«Wenn es ans Komponieren geht, muss ich all die Musik, die ich studiert und gespielt habe, vergessen. Wenn mir das nicht gelingt, verstumme ich, weil mir dann immer wieder durch den Kopf geht, dass alles ja schon viel genialer gesagt wurde. Ich muss andere Musik zur Seite schieben, damit ein Raum entsteht, in dem sich meine Musik entfalten kann. Es ist, als ob ich ein Buch, in dem ich eben noch gelesen habe, zur Seite legen würde, damit ich die Hände frei habe.»

Burggrabes Atelier wirkt wie eine Klause, eher klösterlich als bäuerlich. Hier ist Burggrabe mit der entstehenden Musik zunächst mal ganz allein.

Burggrabes Atelier wirkt wie eine Klause, eher klösterlich als bäuerlich. Hier ist Burggrabe mit der entstehenden Musik zunächst mal ganz allein. Foto: Thomas Binotto, forum

1 | 1

«Stella Maris» war 2006 das erste grosse Werk des heute 43jährigen Flötisten und Komponisten, der seine Kindheit in der Nähe von Stuttgart und im fernöstlichen Myanmar verbracht hat. Das Oratorium entstand als Auftragsarbeit für die 1000-Jahr-Feier der Kathedrale von Chartres. Diese hat Burggrabe bereits in ihren Bann gezogen, als er noch Musikstudent in Hamburg war. Ihr widmete er seine Abschlussarbeit, hierher zieht es ihn heute noch alle paar Monate. Während Burggrabe in seinem Atelier auf den ersten Ton für «Stella Maris» wartete, hing an der Wand vor seinem Flügel eine Reproduktion des berühmten Glasfensters «Notre Dame de la Belle Verrière». Dieser Maria, als Mutter Jesu dargestellt, aber auch als Himmelskönigin thronend, wollte er sein Werk widmen.

Burggrabe ist sich bewusst, dass sich auch im noch so stillen Raum kaum absolut Neues entfalten wird. Er versteht Musik als eine Sprache, um alte Wahrheiten immer wieder neu ausdrücken zu können. «Es lohnt sich, diese eigene Sprache zu entdecken und ihr nachzugehen, selbst wenn ich dann doch wieder Dinge sage, die andere auch schon gesagt haben. Aber ich drücke mich in meiner eigenen Sprache, meiner eigenen Schattierung aus. Darin steckt für mich ein tiefer Sinn. Die Wahrheiten des Lebens werden nicht neu erfunden, aber sie müssen von Generation zu Generation neu begriffen und zur Sprache gebracht werden.»

Bis allerdings der Flügel im schlicht aber sehr heimelig eingerichteten Atelier zum Klingen gebracht wird, muss der «Bauplan» eines Werks stehen. «Mir macht die Konzeption grosse Freude. Im bewussten Zusammenstellen entsteht das Werk in seinen Grundzügen, lange bevor ich den ersten Takt komponiere. In der Arbeit am Libretto wird entschieden, welche Figuren auftauchen, wer mit wem in Beziehung tritt, welche Besetzung das Werk benötigt. Diese ganze Arbeit an der Dramaturgie, an den grossen Bögen, das ist eine wunderschöne Phase. Was danach kommt ist eigentlich nur noch Erfüllungsarbeit. Und die ist mit grossen Schwankungen verbunden. Mit Krisen und Glücksmomenten. Und gegen Ende des Komponierens kann es auch richtig zäh werden.»

Burggrabes Atelier wirkt wie eine Klause, eher klösterlich als bäuerlich. Hier ist Burggrabe mit der entstehenden Musik zunächst mal ganz allein. Und doch ist ihm bewusst, dass er nicht für sich schreibt. «Beim Überarbeiten meiner Musik hilft mir das Wissen, dass ein erfahrener Dirigent auf meine Noten wartet, der schon viele andere, auch grosse Werke der Musikgeschichte dirigiert hat. Die Partitur, die ich ihm vorlegen werde, muss seinem Urteil standhalten.

Als ich letztes Jahr mein bislang grösstes Stück «Lux in tenebris» seinem Dirigenten übergeben habe, war das für mich ein unglaublich aufregender Moment. Vier Stunden lang sind wir zu zweit Seite für Seite der Partitur durchgegangen. Und ich wusste immer: Der Dirigent kann jetzt innerlich hören, was da steht. Natürlich hoffe ich in einem solchen Moment inständig, dass das Werk bei ihm Resonanz findet, dass aus meinem Stück auch sein Stück wird.»

Ein Atelier, das an eine Klause erinnert. Die Muttergottes als Thema. Chartres als Auftraggeber. Wird da Komponieren unweigerlich selbst zum religiösen Akt? Burggrabe sieht sich zwar nicht als kirchlichen Menschen, schon gar nicht als Missionar für ein bestimmtes Bekenntnis. Aber «Musik ist für mich die schönste und unmittelbarste Möglichkeit, mit dem nicht Nennbarem in Verbindung zu kommen, weil die Musik aus einem Raum kommt, den kein Mensch so ganz erklären kann. Ich möchte das Komponieren nicht überhöhen. Es ist harte Arbeit und viel Handwerk. Dennoch bleibt das Geheimnis immer bestehen, woher die Musik kommt. Für mich kommt sie aus dem Geistigen. Und wenn ich mich in die Musik vertiefe, ist das eine Anbindung an dieses Geistige. Das kann man auch Gebet nennen, denn Zwiesprache und Versenkung treffen den Kern und das Wesen des Kompositionsprozesses.»

Burggrabe sitzt auf seinem Klavierhocker und erzählt unaufgeregt und überlegt vom Prozess, den ein musikalisches Werk durchläuft. Er wirkt dabei introvertiert und selbstbewusst zugleich. «Ich bin kein Auftragskomponist einer Kirche. Ich vertone auch nicht einfach, was mir Theologen vorschreiben. Wenn ich die Texte für ein Libretto aussuche, dann spielt mein persönlicher Zugang zu diesen Glaubensfragen eine wesentliche Rolle. Es geht dabei nicht nur um das Vertonen, sondern auch darum, was diese Texte mit meinem Leben verbindet.»

So ist er mit «Stella Maris» auch in eine ganz eigene Beziehung zur Muttergottes hineingewachsen. «Als Protestant hatte ich von Maria eine sehr nüchterne Vorstellung, deren Grundlage die wenigen Texte aus der Bibel waren. Während der Konzeption und Komposition des Werkes wurde meine Vorstellung jedoch immer weiter und tiefer. Maria soll nicht im Historischen hängen bleiben. Verkündigung ist für mich heute noch eine existentielle Frage: Wie gehe ich mit Situationen um, in denen ich unvermutet in eine neue Aufgabe hineingestellt werde? In eine Aufgabe, die meinen Lebensweg grundlegend verändern und mich aus meiner gewohnten Welt herausreissen wird.»

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

«Stella Maris» (Stern des Meeres) wurde 2006 aus Anlass der 1000-Jahr-Feierlichkeiten in der Kathedrale von Chartres uraufgeführt und ist eine mehrschichtige Annäherung an die Frauenfiguren Maria und Sophia (Weisheit). Die Musik lebt von der Polarität von Überliefertem und neu Entwickeltem und zitiert unter anderem auch gregorianische Choräle aus Chartres. Sprache und Musik werden visuell weitergeführt durch WasserKlangBilder, die im Dialog von Wasser und musikalischer Schwingung im Augenblick des Konzertes live entstehen. Ein Lichtkonzept unterstützt zudem die Handlung des Oratoriums und schafft neue Raumerlebnisse durch dezent eingesetztes Architekturlicht.

Mitwirkende:
Julia Jentsch (Rezitation), Alexandra Busch (Mezzosopran), Olivia Jeremias (Cello), Jörg Ulrich Busch (Orgel), Jochen Bauer (Klarinette), Heidi Merz (Perkussion), Alexander Lauterwasser (WasserKlangBilder), Michael Suhr (Licht), Konzertchor MKZ (Leitung Wolfgang Schady), Vokalensembe Dom zu Speyer, Markus Melchiori (Musikalische Leitung), Helge Burggrabe (Künstlerische Leitung). 

Aufführungen:
14. / 15. Januar 2017
jeweils 17 Uhr
Fraumünster Zürich 

Einführungsseminar:
14. Januar 2016 von 9 bis 16 Uhr
Fraumünster und Pfarrhaussaal

 

Weitere Informationen und Tickets:
www.burggrabe.de