Kirchenjahr: Silvester und Epiphanie

Wessen Gedenktag feiern wir am letzten Tag des Jahres? – Und wie hängt der Dreikönigstag mit Epiphanie und der Taufe von Jesus zusammen?

Wer ist Silvester?

Silvester ist zwar allen bekannt, hat sich jedoch längst verselbständigt und seinen christlichen Charakter weitgehend verloren. Daher wissen die wenigsten, dass dieser Tag seinen Namen einem Heiligen verdankt.

Der Heilige Silvester war seit 314 Bischof von Rom und erlebte die so genannte Konstantinische Wende, mit der das Christentum vom römischen Kaiser Konstantin (280 – 337) zur Staatsreligion erhoben wurde. Silvester war es nach der Legende auch, der Konstantin getauft hatte. Am 31. Dezember 335 starb Silvester. An einigen Orten wird immerhin am Silvesterabend eine gemeinsame Gebetsstunde und ein Ausläuten des alten Jahres begangen. Zur evangelischen Tradition gehört zudem der Altjahresabend, der auch einen Gottesdienst am Abend des 31. Dezember einschliesst.

Aus eins wird drei

Epiphanie, wie das Fest des 6. Januars eigentlich heisst, hat im Laufe der Jahrhunderte eine interessante Wandlung durchgemacht. Seine Ursprünge liegen in Ägypten, genauer in Alexandria. Man feierte dort im 4. Jahrhundert die Anbetung der Weisen, die Taufe von Jesus, und zudem wurde auch das Gedächtnis an das erste Wunder Jesu feierlich begangen, die Verwandlung von Wasser in Wein anlässlich des Hochzeitsfestes in Kana: All das gehörte zur Epiphanie (griech. epiphaneia «Erscheinung»), zur Erscheinung des Herrn.

Nachdem sich das Fest bald auch in der abendländischen Kirche durchgesetzt hatte, wurden schliesslich die verschiedenen Inhalte auseinandergefaltet. Seither begehen wir am 6. Januar den Dreikönigstag mit seinem eigenen, charakteristischen Brauchtum. Besonders das Sternsingen hat in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. Als Könige verkleidet ziehen in den Tagen um den 6. Januar zumeist Jugendliche von Haus zu Haus, um singend für einen guten Zweck zu sammeln. Am Schluss wird über den Türbalken der Eingangstüre mit Kreide die Formel C+ M+ B zwischen die jeweilige Jahrzahl geschrieben, was beispielsweise im Jahr 2011 so aussieht: 20 + C+ M+ B+ 11. Die Buchstaben zwischen den Jahrzahlen können als Initialen der Heiligen Drei Könige gedeutet werden: Caspar, Melchior, Balthasar. Eine andere Deutung besagt, dass sich dahinter die lateinische Formel Christus mansionem benedicat (Christus segne dieses Haus) verberge.

Am Sonntag nach dem 6. Januar gedenkt man der Taufe Jesu und am Sonntag darauf der Hochzeit zu Kana, also jene Hochzeit, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt (Johannes 2:1 – 10).

Obwohl die Taufe im Christentum eine besondere Bedeutung hat, ist es ein individuelles Fest geblieben, für das es im Kirchenkalender kein allgemeines Fest gibt, nicht einmal die Taufe Jesu hat darin grosse Spuren hinterlassen. Es wird zwar am Sonntag nach dem 6. Januar die Taufe Jesu gefeiert, aber herausragendes Brauchtum gibt es dazu nicht. Die Liturgie erinnert an diesem Tag in schlichter Form daran, wie Jesus im Jordan von Johannes dem Täufer getauft (Matthäus 3 : 6) wird.

Waschungen als heilige Handlungen gibt es in vielen Religionen. Auch im Judentum waren sie als Bussritus verbreitet. In diesem Sinne hat Johannes der Täufer, der ja vor allem ein Bussprediger war, die Umkehrwilligen getauft. Auch im Christentum wurde die Taufe als eine Reinigung von allem Bösen verstanden – daher das weisse Taufkleid. Aber inzwischen ist längst klar, dass ein Säugling, der zur Taufe gebracht wird, noch gar nichts Böses verbrochen haben kann. Auch mit dem Limbus, an den tote, noch ungetaufte Kinder hinkommen, weil sie nicht in den Himmel dürfen, auch mit dieser ungnädigen Vorstellung hat die katholische Kirche inzwischen aufgeräumt.

Dennoch macht die Liturgie zur Taufe immer noch bewusst, dass kein Mensch in ein makelloses Paradies hineingeboren wird. Er findet eine Welt vor, in der das Dunkle bereits seine Spuren hinterlassen hat, in der man sich mit dem Bösen auseinandersetzen muss, ob man will oder nicht. Die Taufe wird deshalb vor allem als eine Stärkung verstanden. Sie verspricht den Beistand Gottes, der sich unter anderem auch im Beistand von Eltern und Paten ausdrücken soll.

In der Taufe wird man also zum «Kind Gottes», wird gesalbt, ein altes Zeichen der Königswürde, ganz egal in welchem Alter man das Sakrament empfängt. Man wird dadurch zu einem Mitglied der Kirche, wird in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen, und deshalb wurden die – damals noch erwachsenen Täuflinge – in der Urkirche im Verlauf der Osternachtfeier getauft. Diese Praxis hat sich mit der Kindertaufe dann allmählich wieder verloren, wird aber in jüngerer Zeit wieder vermehrt gepflegt. Und heute sieht die katholische Liturgie für die Osternachtfeier «wenn immer möglich» wieder eine Taufe vor.

Die Taufe ist jenes Sakrament, zu dem in den verschiedenen christlichen Kirchen die grösste Übereinstimmung besteht. Man kann sie deshalb auch das ökumenischste aller Sakramente nennen, denn sie wird von den grossen christlichen Kirchen gegenseitig anerkannt.

Namen sind mehr als Schall und Rauch

Es ist nicht nur die Taufe, es ist auch die Festlegung des Namens für den Täufling, die das Ritual des Taufens auch für uns heute noch bedeutsam macht. Die alten Römer waren bei der Namensfindung geradezu bürokratisch einfallslos. Die Mädchen wurden nach dem Namen der Mutter einfach durchnummeriert, zum Beispiel Aggripina Prima (die Erste), Aggripina Secunda (die Zweite), Aggripina Tertia (die Dritte), und bei Buben ging der pater familias, wie das männliche Familienoberhaupt genannt wurde, meist nicht anders vor. Der erste Sohn erhielt noch einen richtigen Namen, aber dann fing auch hier das Durchnummerieren an. Wenn sie allerdings Namen vergaben, dann bemühten sich die Römer, diesen eine gewichtige Bedeutung zu geben. Der Name verwies dann entweder auf einen berühmten Vorfahren der eigenen Familie oder auf Eigenschaften, die man dem Kind wünschte.

Diese Tradition haben wir übernommen. Und so ist, wenn Nachwuchs erwartet wird, eine der brennenden Fragen immer jene nach dem Namen. Etwas benennen zu können, das bedeutet Macht und gleichzeitig Verantwortung. Wie sehr, das steht bereits in der Bibel, wo Adam und Eva den Geschöpfen Namen geben durften – und damit als Bewahrer der Schöpfung in die Pflicht genommen wurden.

Namen haben nicht nur in der christlichen Tradition eine besondere Bedeutung, ihnen werden seit je auch magische Kräfte zugesprochen, die weit über den reinen Wortklang und die Silbenzahl hinausgehen. Die Heldinnen und Helden sämtlicher Mythen haben sprechende Namen, das heisst solche, die auch etwas über Bedeutung und Charakter des Benannten aussagen. Und im Märchen sind Namen immer mehr als bloss Schall und Rauch; besonders eindrücklich im «Rumpelstilzchen», wo die Prinzessin mit dem Namen auch die Macht über den bösen Dämon gewinnt und ihn bannen kann.

«Nomen est omen» – diese lateinische Redensart, die übersetzt soviel wie «Der Name ist Zeichen» bedeutet, soll uns zwar nicht dazu verleiten, aus der Namensgebung eine okkulte Angelegenheit zu machen: Der Name «Angela» macht noch keinen Engel und «Victor» noch keinen Sieger.

Aber bei der Namensgebung auch an die Namensbedeutung zu denken, ist nicht abwegig. Leider haben sich häufig die Akzente verschoben. Man achtet weniger auf die Bedeutung als auf die Popularität des Namens, und die kommt so zustande: Welche Stars leuchten derzeit besonders hell? Sind die Initialen ebenso klangvoll wie der gesamte Name? Ist ein tibetanischer Vorname exotisch genug?

Über die Namensbedeutung und den Klang hinaus sind Namen immer auch mit Personen verbunden – ob man sich dessen bewusst ist oder nicht. Vor rund zwanzig Jahren hat der Erfolg des Films «Kevin allein zu Hause» zu einer sprunghaften Vermehrung der Kevins beigetragen. Ein Phänomen, das sich immer wiederholt, wenn auch mit wechselnden Namen – vor dreissig Jahren war es Audrey.

Heute ist Kevin Costners Stern verblasst. Wer erinnert sich in zwanzig Jahren noch an ihn? Es gibt genügend Menschen, die sich über die gedankenlose Namenswahl anlässlich ihrer Geburt ärgern. Sie legen auf einen «gehaltvollen» Namen derart Wert, dass sie den ihnen verliehenen Namen ablehnen und einen neuen suchen. Die Unterscheidung zwischen Idol und Vorbild macht es aus.

Seinem Kind nicht nur einen Namen, sondern gleichzeitig ein Vorbild mit auf den Lebensweg zu geben, das kann eine schöne und bedeutsame Seite der Elternpflicht sein.

Auszug aus «Vom Osterhasen zum Christkind» von Thomas Binotto, erschienen im Elster-Verlag.

Text: Thomas Binotto