Stolperstein: «Tugend»

Das Wort klingt nach bürgerlicher Gewöhnlichkeit. Als beschriebe es eine Welt von Zucht und Ordnung, aus der Lebenslust und Temperament verbannt werden. Eine Welt, in der alle Menschen auf Durchschnitt getrimmt werden.

Der Römer Marcus Tullius Cicero hat im 1. Jahrhundert vor Christus mit seinen vier Kardinaltugenden (Haupttugenden) den einflussreichsten Tugendkatalog erstellt, der auch von christlichen Theologen übernommen und weiter entfaltet wurde. Noch im 20. Jahrhundert hat der Philosoph Josef Pieper diesen Tugenden ein Buch gewidmet: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mass.

Und tatsächlich, auch diese konkreten Tugenden verbreiten wenig Champagnerlaune. Sie betonen alle den Ausgleich, das Sowohl-als-auch, das Relative, das Besonnene. Der Kluge wägt verschiedene Gesichtspunkte ab. Der Gerechte sorgt für Ausgleich. Der Tapfere erträgt Schwierigkeiten. Und der Massvolle scheut das Extreme.

Auch jüdische, hinduistische und konfuzianische Traditionen verwenden ähnlich gelagerte Begriffe, wenn sie ihre Tugendkataloge zusammenstellen.

Was all diese Tugenden verbindet, ist ihre Sorge um das Gleichgewicht, um die innere und äussere Ausgeglichenheit. Sie sind weniger Ziel des Lebens als vielmehr Werkzeuge, um dieses Leben möglichst ohne Absturz zu meistern. Sie versuchen eine Balance herzustellen zwischen dem Drang nach Individualität und den Bedürfnissen der Gemeinschaft.

Diese Balance zu finden und zu halten, darin besteht das Ziel der Kardinaltugenden – und darin besteht gleichzeitig ihre grosse Herausforderung. Ich stelle mir das wie auf einem Hochseil vor: Permanente Beweglichkeit und Aufmerksamkeit sind verlangt. Eine Höchstleistung der Koordination. Und wenn ich die Balance endlich gefunden habe, dann lässt sich diese nicht fixieren, sie muss immer und ständig neu gefunden werden.

Ohne Tugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mass werden wir nichts von dem umsetzen können, was in der Neujahrsnacht unweigerlich an guten Vorsätzen auftauchen wird. Er wird also wieder mal anstrengend, dieser Balanceakt 2017. Umso mehr wünsche ich uns allen Lebenslust und Temperament, damit wir nie die Zuversicht verlieren, diesen Balanceakt auch auszuhalten.

Text: Thomas Binotto