Gewaltfreiheit als Grundhaltung

Papst Franziskus hat seine Botschaft zum 50. Weltfriedenstag aus offensichtlich tiefer Sorge um unsere gegenwärtig so zerrissene und verunsicherte Gesellschaft geschrieben.

Wenn der Papst Gewaltfreiheit fordert, dann geht es ihm um den Kern des Christentums. Seine Botschaft ist deshalb auch ein eindringlicher Aufruf an alle Christen, vom Weg der Gewaltlosigkeit selbst angesichts drohender Gewalt nicht abzuweichen. Papst Franziskus macht unmissverständlich deutlich, dass der Beitrag der Christen für den Frieden darin besteht, das Evangelium von der Feindesliebe (Lukas 6,27) «als die Magna Charta der christlichen Gewaltlosigkeit» zu leben und zu verkünden. Papst Franziskus schreibt:

Dies ist die Botschaft zum fünfzigsten Weltfriedenstag. […] Aus diesem Anlass möchte ich näher auf die Gewaltfreiheit als Stil einer Politik für den Frieden eingehen und bitte Gott, uns allen zu helfen, auf die Gewaltfreiheit in der Tiefe unserer Gefühle und persönlichen Werte zurückzugreifen. Mögen unsere Art, in zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und internationalen Beziehungen miteinander umzugehen, von Liebe und Gewaltfreiheit geleitet sein.

Wenn die Opfer von Gewalt der Versuchung der Rache zu widerstehen
wissen, können sie die glaubhaftesten Leitfiguren in gewaltfreien Aufbauprozessen des Friedens sein. Möge die Gewaltfreiheit von der Ebene des lokalen Alltags bis zur Ebene der Weltordnung der kennzeichnende Stil unserer Entscheidungen, unserer Beziehungen, unseres Handelns und der Politik in allen ihren Formen sein.

Eine zerbröckelte Welt

Das vergangene Jahrhundert ist von zwei mörderischen Weltkriegen verwüstet worden und hat die Bedrohung eines Atomkriegs sowie eine grosse Anzahl weiterer Konflikte erlebt, während wir heute leider mit einem schrecklichen «stückweisen» Weltkrieg zu tun haben. […]

In jedem Fall verursacht diese Gewalt, die «stückweise» auf unterschiedliche Arten und verschiedenen Ebenen ausgeübt wird, unermessliche Leiden, um die wir sehr wohl wissen: Kriege in verschiedenen Ländern und Kontinenten; Terrorismus, Kriminalität und unvorhersehbare bewaffnete Übergriffe; Formen von Missbrauch, denen die Migranten und die Opfer des Menschenhandels ausgesetzt sind; Zerstörung der Umwelt.

Und wozu das alles? Erlaubt die Gewalt, Ziele von dauerhaftem Wert zu erreichen? Löst nicht alles, was sie erlangt, letztlich nur Vergeltungsmassnahmen und Spiralen tödlicher Konflikte aus, die allein für einige wenige «Herren des Krieges» von Vorteil sind?

Die Gewalt ist nicht die heilende Behandlung für unsere zerbröckelte Welt. Auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren führt bestenfalls zu Zwangsmigrationen und ungeheuren Leiden, denn grosse Mengen an Ressourcen werden für militärische Zwecke bestimmt und den täglichen Bedürfnissen der Jugendlichen, der Familien in Not, der alten Menschen, der Kranken, der grossen Mehrheit der Erdenbewohner entzogen. Schlimmstenfalls kann sie zum physischen und psychischen Tod vieler, wenn nicht sogar aller führen.

Die Frohe Botschaft

Auch Jesus lebte in Zeiten der Gewalt. Er lehrte, dass das eigentliche Schlachtfeld, auf dem Gewalt und Frieden einander begegnen, das menschliche Herz ist: «Von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken» (Markus 7,21).

Doch die Botschaft Christi bietet angesichts dieser Realität die von Grund auf positive Antwort: Er verkündete unermüdlich die bedingungslose Liebe Gottes, der aufnimmt und verzeiht, und lehrte seine Jünger, die Feinde zu lieben (Matthäus 5,44) und «die andere Wange» hinzuhalten (Matthäus 5,39). […]

Wahre Jünger Jesu zu sein bedeutet heute, auch seinem Vorschlag der Gewaltfreiheit nachzukommen. Er ist, wie mein Vorgänger Benedikt XVI. sagte, «realistisch, denn er trägt der Tatsache Rechnung, dass es in der Welt zu viel Gewalt, zu viel Ungerechtigkeit gibt; eine solche Situation kann man nur dann überwinden, wenn ihr ein Mehr an Liebe, ein Mehr an Güte entgegengesetzt wird. Dieses Mehr kommt von Gott». 

Und mit grossem Nachdruck fügte er hinzu, dass «Gewaltlosigkeit für die Christen nicht ein rein taktisches Verhalten darstellt, sondern eine Wesensart der Person und die Haltung dessen, der so sehr von der Liebe Gottes und deren Macht überzeugt ist, dass er keine Angst davor hat, dem Bösen nur mit den Waffen der Liebe und der Wahrheit entgegenzutreten. Die Feindesliebe bildet den Kern der«christlichen Revolution.»

Zu Recht wird das Evangelium von der Feindesliebe (Lukas 6,27) «als die Magna Charta der christlichen Gewaltlosigkeit betrachtet; sie besteht nicht darin, sich dem Bösen zu ergeben […] sondern darin, auf das Böse mit dem Guten zu antworten (Römer 12,17–21), um so die Kette der Ungerechtigkeit zu sprengen.»

Text: Papst Franziskus

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Zum Rubrikfoto: Auch im Mutterhaus der von Mutter Teresa gegründeten Missionarinnen der Nächstenliebe in Kalkutta wird für die Gewaltlosigkeit Zeugnis abgelegt. Foto: Carl Davis / Alamy Stock Foto

Teil 2 folgt in forum 3/2017