SOS Narrenschiff: Weltuntergang? Nein, danke!

Apokalyptiker sind eine seltsame Spezies, weil sie für sich das exklusive Recht reklamieren, die Apokalypse zu überleben. Sie wollen unbedingt auf den Trümmern stehen und triumphieren können: «Ich habe es euch schon immer gesagt.»

Ähnliche, wenngleich auf den Kopf gestellte, Träume hegen Tom Sawyer und jeder normale Teenager: Bei der eigenen Beerdigung zuschauen und erleben zu dürfen, wie die Woge der Trauer überschwappt. Wie nun alle Hinterbliebenen endlich ihre tiefe Wertschätzung für den Dahingegangenen entdecken und von allzu später Reue gepeinigt werden.

Weltuntergangspropheten sind jahreswechselaktiv. Dann blicken sie besonders erwartungsvoll ins drohende Unheil. Um Schlimmeres abzuwenden, sagen sie das Allerschlimmste voraus. Aus pädagogischen Gründen malen sie dabei gerne etwas schwärzer als es die Fakten in ihren schwer fassbaren Grautönen hergeben. Und so lauert nun hinter jeder Hausecke ein Verbrecher, Halsabschneider und Halunke. Jetzt wird ein jeder von einem jeden unterdrückt, belogen und beheuchelt. Aus jeder Ritze spriessen Dämonen, Fanatisten und Massenmörder.

Wenn’s dann doch nicht so schlimm kommt, wie vorausgesagt, kann der Weltuntergangsprophet zwar nur zum zweitschönsten aller Jubeltänze anheben. Aber immerhin: «Nur weil ich so drastisch gewarnt habe, seid ihr umgekehrt. Nur weil ich den Weltuntergang vorgezeichnet habe, konnte er abgewendet werden.»

Damit wird sich allerdings der Apokalyptiker nicht zufriedengeben können. Er wird reagieren wie jeder, der einmal einen Weltuntergang vorausgesagt hat, der dann doch nicht eingetroffen ist. Er legt einfach ein neues Datum fest, ein neues Schreckensszenario, eine neue Bedrohung vom Allerschlimmsten. Nach dem Weltuntergang ist schliesslich vor dem Weltuntergang.

Ich habe offenbar zu viel Weihnachtsstimmung inhaliert, denn in mir klingt immer noch die Weihnachtsbotschaft nach: «Habt keine Angst! Ich habe eine grosse Freudenbotschaft für euch und für das ganze Volk. Heute ist euch der Retter geboren worden, in der Stadt Davids: Christus, der Herr!»

Und so gehe ich – belächelt und bedauert von Apokalyptikern – in meiner weltfremden Art ins neue Jahr hinein. Im Glauben an das Gute und die Güte in den Menschen. In der Hoffnung, dass es schon gut kommen wird, weil die Engel der Weihnacht nicht gelogen haben. Und in der Zuversicht, dass die Ausrichtung auf die Hoffnung mehr Kraft entwickeln wird als der pessimistische Blick in die Düsternis.

Text: Thomas Binotto