Stolperstein: «Berufung»

«Ich lebe meinen Beruf aus einer Berufung heraus!» Diese Aussage stammt nicht von einem Priester, sondern von einem jungen Mann in Hotelfach – meinem Sohn.

Viele Priester und hauptberufliche pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erzählen Ähnliches: Da war auch mal ein Mensch, der sagte: «Du hast das Zeug dafür!» Und solche, die einem immer wieder sagen: «Wie du deine Arbeit machst, lässt spüren: es ist für dich nicht nur Beruf – es ist Berufung!»
Berufung ist kein ausschliesslich kirchliches oder göttliches Markenzeichen. Viele Menschen leben ihren Beruf als Berufung, ob im Handwerk, im wirtschaftlichen, politischen, medizinischen oder sozialen Bereich.
Den eigenen Beruf als Berufung zu erleben und zu leben, erfordert eigentlich nur eines: ihn als Dienen zu verstehen, als einen leidenschaftlichen Dienst. «Wir dürfen nicht vergessen, dass die wahre Macht im Dienen liegt», hat Papst Franziskus in einer Predigt am 19.  März 2013 gesagt.

Diese «wahre Macht» schenkt bei entsprechender Resonanz und Wertschätzung Zufriedenheit und ein erfülltes Leben. Anders ist die Macht, die nur danach strebt, die eigenen Befugnisse und den eigenen Wohlstand zu vervielfältigen – und dafür andere verleumdet oder diskreditiert, um sich hervorzutun.
Kirchlich Bedienstete, die ihre Autorität nur plakativ damit legitimieren, von «Gott berufen zu sein», aber diese Berufung zum Dienen nicht leben und erlebbar machen, werden keine «Menschenfischer».

Berufungsmenschen sind dagegen anziehend, oft auch ansteckend. Sie überzeugen, weil sie vom Sinn ihres Dienstes überzeugt sind. Sie sind Führungskräfte, die keine Legitimation «von oben» brauchen. Ihre Führungskompetenz erwächst «von innen» – aus ihrer Leidenschaft, die kein Leiden schafft, sondern Freude und Freiheit.
Eine Berufung muss nicht an einen Beruf gebunden sein. Wie viele freiwillig Engagierte bezeugen, dass auch sie ihre Berufung leben, sei es im humanitären, ökologischen oder spirituellen Bereich! Ihnen allen, die ihre Berufung im beruflichen und freiwilligen Dienst leidenschaftlich leben, gebührt Dank, Anerkennung und Wertschätzung.

Text: Rudolf Vögele, Ressortleiter Pastoral, Generalvikariat Zürich-Glarus